Greißlersterben

 

...das größte Aufsehen jedoch erregte Julischkas, als er sich in Thalhausen mit einer Kette und Handschellen an die Einkaufswagerl einer der Supermärkte hängte, um auf die finanziellen Probleme der kleinen Lebensmittelhändler hinzuweisen.

Bereits um fünf Uhr dreißig hatte er sich auf den Weg nach Thalhausen gemacht. Vorher hatte  er eine fünfzehn Meter lange dicke Eisenkette und mehrere massive Vorhangschlösser, die er in der Eisenhandlung gekauft hatte, auf die Ladefläche seines Pickups geworfen. Ebenso ein zum Transparent umfunktioniertes Leintuch mit der Aufschrift:

„Die kleinen Händler müssen leben,
 ich werd´ den Großen Saures geben“

In Thalhausen angekommen montierte er zuerst das Transparent direkt vor die Eingangstür des Supermarktes, dann stellte er die Einkaufswagerl vor die Tür, fädelte die Kette zuerst durch alle Wagerl, dann um die beiden Betonsäulen, die das Vordach des Marktes abstützen. Zum Schluss kettete er noch sich selbst so zwischen die beiden Säulen, so, dass er mit den Armen leicht schräg nach oben dastand, und irgendwie an ein Kruzifix erinnerte. Somit hatte er der Eingang vollständig blockiert.

Als der Geschäftsführer des Supermarktes um sieben Uhr diese Performance entdeckte, war bereits eine Anzahl von Schaulustigen vor Ort. Darunter auch das Kronenblatt, das Julischkas bereits im Vorfeld informiert hatte. Die Thalheimer Gendarmerie, die vom Geschäftsführer angefordert worden war um dieser Sauerei ein Ende zu setzen, stand dem Ganzen etwas hilflos gegenüber, da sie nicht im Besitz eines Bolzenschneiders war, der diese Kette hätte durchschneiden können. So dauerte es fast bis neun Uhr bis Julischkas mit Hilfe eines Schlossers, der die Vorhangschlösser aufbohrte, vom Supermarkt losgekettet werden konnte.

Julischkas Protest wurde medial ein voller Erfolg. Bereits in der nächsten Woche hatte er einen Fernsehauftritt bei Dora, und sogar zwei deutsche Talkshows luden ihn ein.

Das Geld, das er für seine Fernsehauftritte erhielt, reicht jedoch nicht einmal aus, die Forderungen des Supermarktes sowie die Anwaltskosten, die im daraus resultierenden Verfahren entstanden, abzudecken.

 

...„Didi du Arsch“, pfauchte mich eine sechzehnjährige an. Es war Steffi, die Tochter vom Großmuglerhof, die gerade versuchte ihr Puch MS 50 Moped zu starten, und nach unzähligen Versuchen feststellen musste, dass ihr jemand die verstellbare Vergaserdüse völlig zugeschraubt hatte. Sie hatte über Mittag im Gasthaus zur alten Schmiede ausgeholfen, weil wegen des schönen Wetters zwei Autobusse gekommen waren. Da sie eine Tourismusschule besuchte ,konnte sie schon etwas Erfahrung mit dem Kellnern aufweisen, und außerdem war sie froh über die Taschengeldaufbesserung. „Du brauchst gar nicht glauben, dass du etwas besseres bist, nur weil du studiert“, brüllte sie mich weiter an. „Und jetzt bewege deine Figur zu meinem Moped und stelle die Düse wieder richtig ein!“, fuhr sie fort.

Was sie nicht wissen konnte war, dass sie einen Unschuldigen anschrie. Gut, ich hatte zugesehen, wie sie versucht hat ihr Moped in Gang zu bringen, ich hatte  auch gelacht, weil es ihr nicht und nicht gelungen ist, aber ich hatte die Düse nicht verstellt, und ich wusste auch nicht, wer der Täter wart. Das alles sagte ich der Steffi. Ihr war das wurscht, sie wollte nur dass ihre MS 50 wieder startet, und das so schnell wie möglich. Die Steffi war nicht nur ein ungemein temperamentvolles Mädchen, sie war auch ungemein fesch. Sie war eine natürliche Schönheit. Sie besaß ein Gesicht, das nicht erst mit Schminke zur Schönheit wurde, und eine Figur, die absolut ihrem Temperament entsprach. Irgendwie erinnerte sie mich immer an eine Wildkatze, schön und ungezähmt.  

Ich stand also auf und stellte die Vergaserdüse ihres Mopeds ein. Ganz nach recht gedreht schloss die Düse völlig, und der Motor bekam keinen Sprit, zu weit nach links gedreht bekam der Motor zuviel Gemisch uns soff ab.

Dank Viertakt-Will`s Einschulungen hatte ich die richtige Einstellung bald gefunden, das Moped startete, und Steffi fuhr weg. Ich rief ihr noch nach sie für die Hilfe mit mir heute Abend in die Tanzdiele nach Thalhausen fahren würde. Die hochgehaltene Hand mit dem gestreckten Mittelfinger übersetzte ich jedoch als klares Nein.

Diesel-Otto hatte hatte meine Hilfsaktion sehr amüsiert. „Na, die steht ja ordentlich auf dich“, stellte er fest. „ Mir sieht das eher nach dem Gegenteil aus“, korrigierte ich ihn.

Da lachte der Otto und meinte:„Weil du dich bei den Weibern einfach noch nicht auskennst.“ Dann mischte er die Schnapskarten und wir spielten uns ein Bummerl aus. Da an diesem Nachmittag nur wenige Kunden zur Tankstelle kamen wurden wir nicht oft gestört.

Am Abend besuchte ich dann die Tanzdiele. Es war nicht sonderlich viel los. So stand ich an der Bar und schäkerte mit einem Mädchen, das mit mir in Wien studierte. Ihre Eltern haben ein Ferienhaus im Nachbarort. Nicht nur die Zinshäuser ihrer Eltern in Wien machten sie zu einer zu einer interessanten jungen Frau, wenngleich das rosa Kostüm, das sie anhatte, nicht unbedingt mein Geschmack war. Was ich damals noch nicht wissen konnte, dass diese Frau heute meine von mir gehasste Exfrau sein würde. Egal- Ich hatte gerade begonnen sie so richtig anzubraten, als ich mich jemand mit dem Knie in den Oberschenkel trat. Es war Steffi. Sie sagte: “Verschick´ die Tussi, du bist heute mit mir verabredet!“

Ich war aufgrund dieses forschen Auftretens so perplex, dass ich mich ohne ein Wort zu sagen von meiner Schulkollegin abwandte. Ich hörte diese nur noch „Na, wenn das so ist, dann werde ich gehen“, sagen.

Steffi trug ihre ausgewaschenen 501er LEVIS , dazu ein knallenges Top. Sie wusste ihre Reize perfekt zur Geltung zu bringen. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt. „Sie ist wieder ohne Helm unterwegs“, dachte ich mir.

„Vor ein paar Stunden hat es so ausgesehen, als ob du dich mit einem Arsch wie mir nicht in der Tanzdiele treffen willst!“, sagte ich lachend und rückblickend auf ihre Bemerkungen am Nachmittag.

„Glaub´ ja nicht, dass ich wegen dir da bin,“ erwiderte sie, „Ich bin da weil ich mich unterhalten will. Dein Glück ist, dass heute außer dir keine Burschen da sind die ich kenne. Außerdem solltest du dich bei mir bedanken, dass ich dich von dieser Tussi befreit habe.“

So begann unser erste Abend, den wir gemeinsam verbrachten. Wir tanzten und redeten bis drei Uhr morgens. Dann verabredeten wir uns für Sonntag Nachmittag auf ein Eis. Nach einem scheuen Abschiedskuss bestieg Steffi wieder ihr Moped. Dieser Abend war der Beginn einer Beziehung voller Emotionen, einem Wechselbad zwischen Liebe, Eifersucht und Hass.

Während der Woche war ich an der Uni in Wien und Steffi in der Tourismusschule. So fieberten wir beide den Wochenenden entgegen. Von Freitag Abend, bis Sonntag Abend gehörte die Welt uns.

 

 

...beschließe ich, den Nachmittag mit Schwimmen und Sonnen zu verbringen, und zwar am Karlisee. So hole ich mein Badezeug aus meinem Zimmer in der Pension. Der Karlisee ist eigentlich ein Teich. Er liegt etwas außerhalb vom Ort und wurde irgendwann nach dem Krieg künstlich angelegt, indem ein Wiesenbach aufgestaut wurde. Der damalige Bürgermeister, der die Errichtung des Teichs initiierte hieß im Vornamen Karl. So kam der Teich zu seinem Namen. Am Karlisee ist bereits Hochbetrieb. Die Buben haben sich ein kleines Floß zusammengezimmert, und versuchen jetzt durch gleichzeitiges Gewichtsverlagern, dieses zum kentern zu bringen. Hinten im Schilfgürtel tummeln sich wie eh und je die jungen Liebespaare, und wie eh und je treiben sich auch die pubertierenden Burschen als Spanner in deren Nähe herum.

Die Liegewiese gehört eigentlich dem angrenzenden Bauern, der aber nichts dagegen hat, dass die Badenden sie benützen, ganz im Gegenteil mäht er sie sogar regelmäßig.

Eigentlich hat sich am Karlisee in den letzten 20 Jahren nichts verändert. Außer, dass ich damals all die jungen Frauen, die in den knappen Bikinis ihren Körper bräunen, alle kannte, was jetzt nicht mehr der Fall ist. Das tut mir schon etwas leid.

Einige nicht mehr so junge Damen, die sich in teilweise nicht mehr so knappen Bikinis auf der Liegewiese bräunen, erkennen mich und rufen mir zu, dass ich mich zu ihnen legen solle. Diese Damen sind die Mädchen, die ich damals kannte. Einige von ihnen haben ihre Figur bemerkenswert gut erhalten, einige sind etwas aus der Form gekommen, was möglicherweise auf die Kinder zurückzuführen ist, die um sie herumtollen. Auffallend ist, dass die mit der besseren Figur meistens mehr Falten im Gesicht haben. Eine bekannte Schauspielerin soll einmal gesagt haben, dass eine Frau sich irgendwann entscheiden muss zwischen Figur oder Falten.

Während ich mich nun den Damen nähere holt mich eine der kräftigeren Frauen mit der Aussage „Na Didi, du warst aber auch schon einmal dünner“, aus meinen philosophischen Überlegungen in die Baderealität zurück. „Na, der Didi ist doch seit ein paar Monaten geschieden, das um die Hüften werden Samenstränge sein“, sagt eine andere, worauf alle lauthals lachen. Es ist mir schon öfters erzählt worden, dass Frauen untereinander genauso ordinäre Witze erzählen wie Männer. Der Badenachmittag mit den alternden Badenixen bestätigt diese Erkenntnisse.

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