Meteorologie

Halophänomen vom 27. Jänner 2010 (beobachtet zwischen Rohrbach und Schlägl)

Der 27. Jänner 2010 sollte in meiner nunmehr 15jährigen intensiven Beobachtungszeit atmosphärischer Erscheinungen ein besonderer Höhepunkt werden: Ein Halophänomen mit 15 verschiedenen Einzelerscheinungen, die beinahe gleichzeitig am teils cirrenverhangenen Himmel zu sehen waren, zeigte sich bei herrlichstem Winterwetter am Nachhauseweg von meiner Arbeitsstelle in Rohrbach nach Schlägl. Aus dem geplanten Fußmarsch von etwa 1 1/2 wurden knapp mehr als 2 Stunden, und meine kleine Digitalkamera war mit dabei!

 Simulation der Haloerscheinungen für die Sonnenhöhe von 11° (15:15 MEZ):

Simulation mit Halosim    © L. Cowley & M. Schroeder. All rights reserved
Download des Programms: http://www.atoptics.co.uk

Die Simulation wurde mit dem Programm von L. Cowley und M. Schroeder für eine Sonnenhöhe von 11° erstellt. Bei entsprechend homogener Verteilung der haloproduzierenden Eiskristalle wäre dieses fantastische Muster rund um die Sonne zur Gänze zu sehen gewesen. Leider waren die optisch hochwertigen Kristalle nur in einem kleinen Cirrenbereich enthalten; so zeigten sich etliche Einzelerscheinungen nur bruchstückhaft. 

Einzelerscheinungen Helligkeit *
22°-Ring 1
linke und rechte 22°-Nebensonne 3
oberer Berührungsbogen 2
Zirkumzenitalbogen 3
46°-Ring 1
Horizontalkreis 1
linke und rechte 120°-Nebensonne 2
Supralateralbogen 2
Infralateralbogen 1
konkaver Parrybogen 1
konvexer Parrybogen 1
rechter Bogen von Tape 2
Sonnenbogen 1
Untersonnenbogen 1
Wegeners Gegensonnenbogen 0

* Skala der Helligkeit von Haloerscheinungen: 0: sehr schwach, unter Umständen nur mit Halospiegel oder Sonnenbrille sichtbar; 1: schwach, wenig auffällig; 2: hell, auffällig, auch Laien werden aufmerksam; 3: sehr hell, blendend, gleißend, sehr auffällig

Knapp nach 6 Uhr machte ich mich bei sternklarem Himmel, eisigen Minustemperaturen (-21°C) und schon einsetzender Dämmerung (Ende Jänner ist ja die Zeit, in der die zunehmende Tageslänge erstmals auch am frühen Morgen deutlich in Erscheinung tritt) auf den Weg nach Rohrbach. Knapp vor Sonnenaufgang zeigten sich im Westen in beeindruckender Deutlichkeit das dunkle und lichte Segment ("Gürtel der Venus"): der sich absenkende Erdschatten und die von der Sonne beschienenen Abschnitte unserer Atmosphäre.  

Die ersten aufziehenden Cirren verursachten am späteren Vormittag eine helle linke Nebensonne (beobachtet in einer kurzen Arbeitspause um 10:45 MEZ). Nach Dienstschluss um 14 Uhr konnte ich die außergewöhnliche Entwicklung des Halophänomens verfolgen. Der erste Höhepunkt war die Sichtbarkeit des Zirkumzenitalbogens mit maximaler Helligkeit um 14:23 MEZ. Ein kleiner Junge, der mit seiner Familie unterwegs war und sich gerade im Schnee wälzte, zeigte seinen Begleitern den vermeintlichen "Regenbogen". Gleichzeitig erschien auch die linke Nebensonne in blendender Helligkeit. Für die genaue Erklärung der Entstehung von Halos waren die Spaziergänger recht aufgeschlossen: noch nie hatten sie bewusst diese Form der Himmelserscheinungen wahrgenommen. Kleine Abschnitte des 22°-Ringes, des Horizontalkreises und eine recht helle linke 120°-Nebensonne, die merklich in der Vertikalen gestreckt erschien, ergänzten das Bild.

Zirkumzenitalbogen linke 120°-Nebensonne, Horizontalkreis linke 22°-Nebensonne, 22°-Ring

Mein Weg nach Rohrbach bzw. zurück nach Schlägl führt mich weit ab vom Lärm der Hauptstraße durch einsame Dörfer und eine tief verschneite Winterlandschaft. Mein Blick schweift über die hügelige Welt des Mühlviertels bis nach Tschechien, zu den Gipfeln des Böhmerwaldes, ins Tal der Großen Mühl und an Tagen mit guter Fernsicht bis zu den Alpen.

Mühlviertler Landschaft Blick ins Mühltal, rechte 120°-Nebensonne, kurzes Stück vom Horizontalkreis

Nach kurzer Halounterbrechung entwickelte sich langsam ein Phänomen der besonderen Art: Eine auffallend helle und ausgedehnte rechte 120°-Nebensonne fand sich um 15 Uhr im NW auf einem kurzen Abschnitt des Horizontalkreises am Rande eines aufziehenden Cirrenfeldes direkt überm Mühltal. Die rechte lang beschweifte 22°-Nebensonne erstrahlte in gleißender Helligkeit, es entwickelten sich der 22°-Ring, der Supralateralbogen mit dem äußerst seltenen Bogen von Tape, der Zirkumzenitalbogen, Teile des Sonnenbogens und des Untersonnenbogens. Den Bogen von Tape sowie den Untersonnenbogen konnte ich an diesem Tag erstmals beobachten. Es gibt also auch für mich als langjährigen Halobeobachter immer wieder große Überraschungen!

22°-Ring, rechte 22°-Nebensonne

In den Aufnahmen werden schwache Halodetails durch unscharfe Maskierung deutlicher sichtbar gemacht:

Supralateralbogen

Bogen von Tape

Sonnenbogen

Untersonnenbogen

Zirkumzenitalbogen

 

Wegeners 

Gegensonnenbogen

Ab 15:15 MEZ zeigte sich am oberen Segment des 22°-Ringes der obere Berührungsbogen; der Zirkumzenitalbogen erstrahlte abermals mit maximaler Helligkeit und berührte den auffallenden Supralateralbogen. Zu meiner großen Überraschung war knapp unterhalb des Supralateralbogens das oberste Segment des 46°-Ringes sichtbar und darunter beide Bögen von Parry - der konvexe und der konkave Bogen, die bei niedrigen Sonnenhöhen gleichzeitig sichtbar sein können. Schließlich erschien der Supralateralbogen auch links der Sonne mit einer deutlichen Aufhellung im Bereich des linken Bogens von Tape. Leider waren die hochqualitativ aufgebauten Eiskristalle, die zu den seltenen Haloerscheinungen führten, im Cirrenfeld nur sehr lokal vorhanden, sodass der gesamte Höhepunkt des Phänomens nur wenige Minuten andauerte.

Zirkumzenitalbogen, Supralateralbogen, 46°-Ring

konkaver und konvexer Parrybogen

oberer Berührungsbogen

22°-Ring, 22°-Nebensonne

 

 

eventuell linker Bogen von Tape

Zum Abschluss des unvergesslichen Haloereignisses zeigten sich zwischen 15:30 und 15:46 MEZ noch eine sehr helle linke 22°-Nebensonne, der 22°-Ring mit aufgesetztem oberen Berührungsbogen und ein kleines Stück vom linken Infralateralbogen:

 

linker Infralateralbogen (im Bild Mitte links)

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© 2010 Karl Kaiser

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