Offenes Lernen in der Praxis

Wie ich zum Offenen Lernen kam

Bei einigen fachdidaktischen Seminaren für Physik bzw. Mathematik wurde ich auf das "Offene Lernen" aufmerksam gemacht und wollte wissen, was es mit dieser neuen Lernform auf sich hat. In einer dritten Klasse AHS Unterstufe bereitete ich daher die Einführung zum Taschenrechner als "Offenes Lernen" auf. Der Erfolg war überwältigend: Wochen später berichteten mir die Eltern am Elternsprechtag, daß die so gestalteten Stunden die tollsten Mathematikstunden überhaupt gewesen seien. Die Kinder seien begeistert und kennen sich jetzt vor allem mit dem Taschenrechner bestens aus.

Das Ergebnis war also überwältigend - der Vorbereitungsaufwand allerdings auch (1 volles Wochenende für 2 Unterrichtseinheiten)! Angesichts dieses nicht gerade berühmten Kosten/Nutzen-Verhältnisses schien das "Offene Lernen" damit auch schon wieder gestorben.

In den oben erwähnten Seminaren erhielt ich die Information, daß "Offenes Lernen" in der Unterstufe in Mathematik bereits vereinzelt eingesetzt wird, in Physik von einigen wenigen Kollegen erprobt wird, in der Oberstufe aber noch keinen Einzug gefunden hat.

In diesem Schuljahr unterrichte ich am ORG der Diözese Linz mit zwei sechste, zwei siebte und zwei achte Klassen in Physik (jeweils unterschiedliche Schulzweige, versteht sich), nebst je einer Klasse in Mathematik und Informatik. Bis auf eine sechste Klasse verlief der "Standard"-Unterricht recht zufriedenstellend. Ein klärendes Gespräch mit besagter Sechsten sollte Licht in die ständig herrschende Unruhe und Unzufriedenheit bringen. Es stellte sich heraus, daß die Hauptursache in den sehr großen Interessens- und Leistungsunterschieden der einzelnen Schüler begründet war. Die Klasse vereint Schüler des naturwissenschaftlichen Zweiges (die ab kommenden Schuljahr in Physik Schularbeiten schreiben sollen) und des bildnerischen Zweigs. Tiefergehende Informationen für die "Naturwissenschaftler" bewirkt Unverständnis bei den "Zeichnern", verstärkte Übungen auf dem "Grundlevel" für "Zeichner" führt zu Langeweile bei den "Naturwissenschaftlern".

Den einzigen Ausweg aus dem Dilemma sah ich im "Offenen Lernen", bei dem jeder Schüler für sich bestimmen kann, wann und wie er welche Inhalte erarbeitet und lernt. Die Arbeitsaufträge können nach Kernstoff und "Naturwissenschaftler only" differenziert werden. Die Schüler können selbst experimentieren und Physik "begreifen" und den Schwierigkeitsgrad von Rechenbeispielen bestimmen. Die Fragen zur Beurteilung können induviduell angepaßt werden.

Wie läuft das Offene Lernen in der Praxis ab?

Sinn und Zweck des Offenen Lernens ist es, den Schülern über einen längeren Zeitraum hinweg (einige Stunden bis Wochen) einen Arbeitsplan mit Arbeitsaufträgen zuzuweisen, der dann selbständig oder in Gruppen zu erfüllen ist. Die zeitliche und inhaltliche Abfolge entscheidet jeder Schüler selbst. Im einfachsten Fall stehen die Arbeitsaufträge auf Arbeitskärtchen, die in mehrfacher Ausführung beim Lehrer aufliegen und von einzelnen Schülern bzw. Gruppen in der Unterrichtszeit ausgeborgt werden können.

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Schüler beisammensitzen, über Probleme und Inhalte diskutieren, Versuche durchführen, sich gegenseitig unterstützen und mit Eifer bei der Sache sind. Ein angenehmer Nebeneffekt ist, daß die Aufzeichnungen in den Heften um ein Vielfaches schöner gestaltet werden und übersichtlicher sind.

Wie man Arbeitskärtchen effizient erstellt

Damit die Arbeit nicht ausufert, muß man sehr überlegt und effizient an die Erstellung des Unterrichtsmaterials herangehen.

Die per Fragebogen durchgeführten Umfragen ergaben eines deutlich: Der Erfolg des "Offenen Lernens" hängt stark mit einer schönen und inhaltlich guten Gestaltung der Arbeitskärtchen zusammen. Folgende Überlegungen sollten dazu angestellt werden:

Offenes Lernen - Offene Beurteilung?

Heikel ist die Beurteilung der Schülerleistung. Bei Arbeitsaufträgen, die im Erstellen irgendwelcher Dinge enden, kann man sich das Resultat präsentieren lassen und entsprechend beurteilen.

Wie steht es aber mit dem gelernten Stoff? In der Praxis hat sich folgende Vorgehensweise bewährt:

Jeder Schüler hat über jedes einzelne oder eine Gruppe von Kärtchen eine kurze mündliche Wiederholung abzulegen. Günstigerweise sollten sich mehrere Schüler (2-4) untereinander absprechen und dann gemeinsam zur Wiederholung antreten. Dabei lassen sich auch völlig neue Variationen des "Abprüfens" verwirklichen. Ich habe z.B. folgendes recht erfolgreich eingesetzt:

Nebst der Beobachtung der Mitarbeit, die beim Offenen Lernen ganz gezielt erfolgen kann, ergibt sich damit im Laufe der Zeit eine große Menge an Einzelleistungen, die eine sehr differenziere Beurteilung erlauben.

Die Beurteilung und Aufzeichnung der Leistungen sollte jeder Lehrer seinem Benotungssystem anpassen. Die "+/–/o"-Variante hat sich als nicht ganz optimal herausgestellt. Günstiger scheint mir eine Punkte-Variante zu sein, bei der z.B. für jede Leistung 0-5 Punkte zu erreichen sind und die Gesamtpunkteanzahl schlußendlich ausgewertet wird.

Einmal Offenes Lernen - immer Offenes Lernen?

Das "Offene Lernen" alleine löst aber nicht alle pädagogischen Probleme. Als optimal empfinde ich eine vernünftige Mischung aus verschiedenen Unterrichtsformen. Manche Kapitel eignen sich hervorragend zur Selbsterarbeitung durch die Schüler, andere bedürfen einfach der fachkundigen Information durch den Lehrer!


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