UNSERE FABRIK
Die folgenden Bilder stammen von Oren Schmuckler, die darunterliegenden Texte von Max von der Grün. Ich habe sie dem Buch 'Unsere Fabrik' aus dem Jahr 1979 entnommen, welches ich vor Jahren im damals noch existierenden KGM-Kaufhaus in Steyr unverständlich billig in einer Abverkaufschütte entdeckte. Im ganzen Supermarkt wußte wohl keiner um die Qualität dieses Buches Bescheid.
Obwohl wir längst in einem neuen Zeitalter leben, in dem 'unsere Fabriken' anders aussehen und erlebt werden als noch vor zwanzig Jahren, bleiben die Bilder und Texte bedeutsam - nicht nur wegen ihrer Qualität, die mich auch heute noch beeindruckt, sondern ebenso sehr durch ihre historische Relevanz. Geschichte geht ja doch nicht wirklich verloren. Außerdem sind wir es den Generationen vor uns schuldig, daß wir sie aus unserer Wahrnehmung nicht vollkommen ausblenden. Das wäre nicht fair und nicht gescheit.
Modern geblieben sind mit Sicherheit die Fragen und Sorgen jener Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und nun bei uns in einer fremden Welt leben. Werden wir mit dieser Tatsache eines Tages alle menschenwürdig umgehen können? Wann? Wie?

Acht Stunden sind noch kein Tag. Vierundzwanzig Stunden sind auch noch kein Tag. Der Blick durch das Fenster ist auch Bangen vor dem Morgen, die Sehnsucht nach Freiheit bleibt an der Antenne haften. Die Fensterrahmen sind Gitter für Ausbruch und Sicherheit. Und für lebenslang.

Am Abend des ersten Arbeitstages fiel mir der rechte Arm ab, die linke zitterte noch im Schlaf. Im Traum sah ich riesige Räder auf mich zu- und mit rasender Geschwindigkeit an mir vorüberrollen. Mein Arm fällt nicht mehr ab, meine Hände zittern nicht mehr. Du wirst dich daran gewöhnen, hatte man mir gesagt. Wer aber, so frage ich mich, hat sich an mich gewöhnt: ich mich an meine Hände, oder meine Hände und Arme an mich?

Ich verhülle mein Gesicht in der Einsicht, daß die Ordnung unumgänglich ist. Meine Vermummung schützt mich vor mir selbst, damit ich nicht der Versuchung erliege, auszubrechen in ein Land, das nirgendwo existiert, auch in meinen Träumen nur Schatten ist.

Als die Vegetation übermäßig zu wuchern begann und sich der Stadt näherte, beschlossen die Bürger einstimmig, in Gemeinschaftsarbeit einen breiten Gürtel um die Stadt zu asphaltieren. Sie waren stolz auf ihr Werk. Wenig später erschraken sie heftig darüber, weil der Regen vor den Mauern der Stadt anhielt und die Sonne den Asphalt kochte. Die Tiere verschmorten und verkrochen sich in den Gullys. Da legten die Bürger der Stadt Blumenbeete auf dem Asphaltgürtel an und bestellten städtische Gärtner, die Beete zu gießen und zu pflegen. Der Regen aber zog weiterhin an der Stadt vorbei. Da waren die Bürger böse auf den lieben Gott.

Man kann mich zerbrechen, aber niemand kann mir meine Sehnsucht stehlen, niemand meine Träume.
Ich bin reich: Ich träume.

Als ich noch ein junger Mann war und die ersten Liebschaften sich anbahnten, lästerten die Mädchen über meine schwarzen Fingernägel und ließen mich abblitzen, denn mit einem Ungepflegten wollten sie nichts zu tun haben. Einmal nur hatte ich versucht zu erklären, daß jede Arbeit ihre Spuren gräbt. Aber was wußten die schon von meiner Arbeit. Einmal habe ich fünf Stunden meine Fingernägel und meine Finger geschrubbt, die Spuren wurden blasser - aber sie blieben. Ich bin nicht unglücklich darüber geworden, ich ließ die Nägel, wie sie waren - aus Trotz und heute aus Einsicht.

Unser Patron in Ostanatolien verkauft Mais, Melonen und ganze Familien. Ich wollte mich nicht verkaufen lassen, so verkaufte ich mich nach Deutschland. Ich bin meinem Mann gefolgt in eine kaltes Land. Zu Hause aß ich von der blanken Erde, hier esse ich an einem Tisch. An das neue Brot habe ich mich gewöhnt. Nicht an die Kälte. Mir fehlt das Licht, das über den braunen Bergen liegt und in die Augen sticht. Ich bin satt geworden und hungrig geblieben nach dem Licht. Den Tisch möchte ich nicht mehr missen.

Jede Woche schreibe ich einen Brief nach Anatolien. Jede Woche erhalte ich einen Brief aus Anatolien. Sie schreiben mir, daß es ihnen gut geht, daß es ihnen besser geht, seit mein Mann und ich Geld an die Familie überweisen. Ich schreibe, daß es mir gut geht, daß wir gut verdienen und eine gute Wohnung gefunden haben, die fast so schön ist wie die des Patrons in der Nähe unsere Dorfes. Sie schreiben nicht, daß der Patron noch lebt, weiterhin Mais, Melonen und Familien verkauft, ich schreibe nicht, daß ich nach der Arbeit in der Fabrik in einer Gaststätte als Putzfrau arbeite, weil wir sonst entweder die teure Wohnung nicht bezahlen oder aber kein Geld nach Hause schicken könnten. In den deutschen Nachrichten höre ich mehr über mein Land, als ich in ihren Briefen lesen kann. Ich habe Heimweh nach den Minaretten. Die Kirchenglocken hier folgern meinen Schlaf.

Die Sprache ließ mich verzweifeln, aber ich erkannte bald, daß man in einem fremden Land die andere Sprache beherrschen muß, um weiterzukommen. Und ich wollte weiterkommen, sonst hätte ich ja in meinem Land bleiben können als Zugpferd auf den Feldern. Ich erkannte auch bald, daß Sprache nicht nur ein Verständigungsmittel ist. Ich lernte. Ich lerne. Ich werde weiterlernen müssen. Wenn ich die Tür hinter mir verschließe, buchstabiere ich: Solidarität.

Als uns eine neue, nicht werkgebundene Wohnung angeboten wurde, winkten wir ab, ohne die andere Wohnung überhaupt gesehen zu haben. Heimat ist nicht austauschbar, wie etwa ein Kochlöffel in der Suppe. Heimat brennt auf der Haut und lodert im Ofen. Wenn wir aus dem Fenster sehen, winken uns die Nachbarn zu, ihre Kinder finden Schutz in unseren Fluren. Die Flure sind nicht verschlossen.

Dreitausend Kilometer haben wir übersprungen in vier Stunden, aber in vier Stunden kann man nicht dreitausend Jahre überspringen. Wo wir herkommen, da sind Kinder noch der Reichtum der Armen, hier werden sie nicht selten zur Last. Die Kinder. Hier nicht zu Hause - dort nicht mehr zu Hause. Hier Fremde - dort Entfremdete. Hier der Sprache nicht mächtig - dort der Muttersprache nicht mehr mächtig. Was kann ich anfangen mit dem hoffnungsvollsten aller Sätze: Meine Kinder werden es einmal besser haben?
Sie haben es schwer: Hier. Sie werden es schwerer haben: Dort. Sie sind Wandrer zwischen zwei Welten geworden - immer auf Abruf bereit.

Wir warten. Was hinter uns liegt, kann nicht alles gewesen sein. Die Bäume schlagen Wurzeln. Die Träume hängen in den Wolken. Wir lieben Wolken. Wir sitzen bequem. Das Warten kostet nur Zeit. Noch ist die Zeit billig.