Südtirol seit 1945 

Betrachtet man die Geschichte Südtirols von 1945 bis heute, so ergibt sich ein sehr spannendes Bild. Immerhin existierten nach Kriegsende offiziell keine Südtiroler mehr, denn die überwiegende Mehrheit hatte ja unter Mussolini für Auswanderung optiert. Nur wegen des Krieges war das Umsiedlungsprogramm noch nicht so richtig angelaufen. Der restliche, zahlenmäßig viel kleinere Teil der Bevölkerung war dem Gesetz nach italienisch geworden. Dafür hatten sich die Leute persönlich (wenn auch unter Druck) entschieden. Die Sache war offiziell.

Dass Italien zu Kriegsende die "Nicht-Italiener" nicht vertrieb, wie es andere Länder mit ihren Minderheiten taten, und dass man denen, die für Italien optiert hatten, ihren ursprünglichen Status zurückgab, verdankten die Betroffenen letztlich den Engländern und Amerikanern. Diese machten sich 1946 in den Verhandlungen zum "Pariser Abkommen" für die Aufhebung der schlimmen Optionen-Regelungen aus der Mussolini-Zeit stark. Damit war aber auch festgeschrieben, dass die Südtiroler weiterhin eine deutschsprachige Minderheit in Italien sein würden, die es entsprechend zu schützen galt. Außerdem musste man mit der tiefen Kluft erst leben lernen, die sich zwischen den "Dableibern" und "Auswanderern" aufgetan hatte. Die Leute betrachteten sich nämlich gegenseitig als Verräter.

Die Situation war zusätzlich kompliziert geworden, weil in der Mussolini-Zeit sehr viele Sizilianer und andere Italiener in Südtirol angesiedelt worden waren. (Auf diese Weise war zum Beispiel Bozen zur überwiegend italienisch bevölkerten Groß- und Industriestadt geworden.) Diese Italiener verlorenen nun ihre anfangs starke Position (es hatte zum Beispiel ein Verbot gegeben, auf öffentlichen Plätzen die deutsche Sprache zu sprechen; auch das Betreiben deutschsprachiger Schulen hatte man untersagt) und sahen sich plötzlich in der wenig angenehmen Minderheitenrolle - als Italiener in einer Tiroler Umgebung.

Im "Pariser Abkommen" wurde natürlich auch klargestellt: Südtirol bleibt bei Italien. Das zerschlug sämtliche Hoffnungen auf Wiedervereinigung, die es von österreichischer Seite und bei der betroffenen Bevölkerung gab. Die Südtiroler fühlten sich ja traditionellerweise als Tiroler und somit abgeschnitten von der eigentlichen Heimat. Der Schlagbaum am Brenner und die Regierung in Rom symbolisierten diese Dinge deutlich genug.

Heute, keine 60 Jahre später, scheinen viele der damals so aufregenden Fragen besser gelöst. Die Politik fand in zähen Auseinandersetzungen zu Regelungen, mit denen es sich offensichtlich leben lässt. Südtirol bekam das nötige Maß an Autonomie – nicht gleich, aber schließlich doch, in den 1970er Jahren, mit dem sogenannten "Paket", einem mühsam ausgehandelten 137-Punkte Maßnahmenbündel. Der Erfolg kam nur zu Stande, weil Österreich in seiner Rolle als Schutzmacht Südtirols Anliegen vor die Vereinten Nationen brachte und dort von der Vollversammlung ein sehr klares Verhandlungsmandat zugesprochen bekam. Dennoch dauerte es ganze neun Jahre bis man sich mit der Regierung in Rom einigen konnte und die Vorstellung, mit der konkreten Umsetzung werde man in drei bis vier Jahren, also 1973 oder 74 fertig sein, erfüllte sich nicht. Erst 1992 konnte der damalige österreichische Bundeskanzler Vranitzky die Streitabschlusserklärung offiziell unterzeichnen.

Zentral am Südtirol-Paket ist der "ethnische Proporz". Dieser steht allen drei Sprachgruppen Gleichwertigkeit zu. (Einer Statistik zufolge sprechen etwa 68% der 440.000 Einwohner Deutsch, 27% Italienisch, und der Rest Ladinisch.) Die Vergabe von Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst (vom Straßenkehrer bis zum Juristen), auch die Vergabe von Kindergartenplätzen und Sozialwohnungen orientiert sich nun an der Größe der jeweiligen Sprachgruppe. So versucht man gerecht zu sein. Um dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen, werden alle zehn Jahre in einer verpflichtenden Volkszählung die genauen Zahlen neu erhoben.

Vor dem Paket gab es ständig Probleme und Schikanen. Die Festlegungen des "Pariser Abkommens" wurden keineswegs immer eingehalten. Es kam zu absurden Maßnahmen. So wurde etwa Italienisch als "Amtssprache" auf Fußballplätzen verordnet – und ausgerechnet einen Italiener aus dem Vintschgau mahnte man bei einem lokalen Freundschaftsspiel ab, weil er beschwichtigend auf einen Freund einredete und sich dabei, so wie er es gewohnt war, der deutschen Sprache bediente.

Die Atmosphäre Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre war insgesamt schlimm. Die Gegensätze zu den Italienern und der Hass gegen deren schikanöse Bestimmungen, die das ursprüngliche Südtiroler Autonomiestatut zunehmend unterhöhlten und die Interessen der deutschsprachigen Bevölkerung einschränkten, aber auch später die Wut über Roms Hinhaltetaktik bei den Paketverhandlungen, trieben die Leute auf die Straße. Es kam zu Massenkundgebungen, bei denen vehement das Selbstbestimmungsrecht eingefordert wurde. Auch Terroristen trieben ihr Unwesen. Diese "Bumser", wie man sie nannte, verübten in Summe mehr als 300 Sprengstoffanschläge. Die Angriffsziele waren vorwiegend Starkstrommasten, Polizeikasernen und andere Einrichtungen des italienischen Staates.

Zwischen 1945 und heute wandelte sich Südtirols Gesellschaft dramatisch – und auch schneller als anderswo. Der einfache Südtiroler Bauer von einst mutierte zum modernen, gebildeten EU Bürger, der sich in allen Positionen zu behaupten weiß. Waren 1939 noch 60% der Südtiroler im Agrarsektor tätig, und 1961 45%, so erreichte ihr Prozentsatz im Jahr 1981 den für Mitteleuropa typischen Niedrigstand. Diese Entwicklung erlaubte es vielen jungen Südtirolern in der Heimat zu bleiben und Arbeit zu finden, was in den 60er Jahren nicht möglich gewesen war. Damals waren die Leute noch gezwungen nach Deutschland abzuwandern, oder in die Schweiz.

Südtirol ist auch wohlhabend geworden. Als Transitland und EU-Region der ersten Stunde, als sehr beliebtes Fremdenverkehrs- und Wintersportziel, als reiches Agrarland und Industriegebiet sind die Voraussetzungen denkbar gut und die Arbeitslosigkeit hält sich in Grenzen. Es ist dies ein Zustand, der vergangene Unzufriedenheiten vergessen lässt. Dazu kommt eine neue Erfahrung, die wohl erst noch richtig zu verdauen sein wird: Am 2. Jänner 1995 beseitigte man den Grenzbalken am Brenner und der Ort verlor seine Bedeutung. Von den ursprünglich 1000 Einwohnern blieben gerade noch 100 zurück. Der Rest zog weg.

Für die Südtiroler heißt dieser neue Zustand nun, dass sie zum ersten Mal seit 1919 wieder sein können, wofür sie sich aufgrund ihrer Jahrhunderte langen Geschichte halten: Tiroler. Niemand hindert sie daran, frei Kontakte nach Norden zu pflegen. Im Europa der Regionen des 21. Jahrhunderts ist es für einen modernen Mitteleuropäer nur natürlich, derartiges zu tun. Staatliches National- und Rivalitätsdenken tritt dabei in den Hintergrund.

Auch für die Italiener in Südtirol veränderte sich die Lage. Als Städter begannen sie zunächst früher ‚modern’ zu werden als die bäuerliche, vornehmlich deutschsprachige Bevölkerung. Sie hatten weniger Kinder und ermöglichten ihnen eine gehobenere Schulbildung. Da es für diesen neuen Bildungsstand Jahre lang an geeigneten Posten fehlte, waren viele von ihnen zur Abwanderung gezwungen. Diese Tatsache und die geringere Kinderzahl trugen zum Rückgang des italienischen Bevölkerungsanteils bei. Später aber, als ein mittelständischer Bildungsstand zur allgemeinen Norm wurde, ermöglichte gerade diese Bildung neue Gemeinsamkeiten, durch die andere Differenzen an Bedeutung verloren. Das kulturelle Zusammenleben wurde leichter bewältigbar.

Unter diesem Aspekt wird man wohl die Überraschung der 17 jährigen Maria M. aus Bozen deuten können, die erst von ihren neuen Schulkollegen in Oberösterreich über Spannungen in Südtirol aufgeklärt wurde. Daheim hatte sie nichts davon wahrgenommen. Sie gehört bereits der neuen Generation an und in ihrer Welt um die Jahrtausendwende gibt es Gegensätze dieser Art nicht. Für sie und ihresgleichen macht es keinen Unterschied, ob ein Bozener Freund Italiener ist oder Deutscher.

Auch die steigende Zahl an Südtirolern, die bei der Volkszählung nicht wissen, welche Volkszugehörigkeit für sie zutrifft, weil sie Mischehen entstammen – möglicherweise schon in zweiter Generation –, zeigt in dieselbe Richtung. Für solche Leute hat die Nationalitäten-Unterscheidung keine praktische Bedeutung mehr.

Ganz anders stellt sich die Welt für den 70 jährigen Winzer aus Tramin dar, der sich ärgert, dass im neu errichteten Bozener Spital eben "italienische Verhältnisse" vorherrschen. Spricht dieser Mann nun mehr über seine eigene Befindlichkeit und womöglich gar nicht wirklich über die realen Verhältnisse? Lebt er etwa noch immer im Südtirol der 1960er und 70er Jahre? Oder hat die Lebenserfahrung seine Wahrnehmung entsprechend geschärft und bestimmte Konfliktpunkte bleiben ihm nicht verborgen, die die meisten Leute jetzt nicht sehen? Erst Historiker einer zukünftigen Zeit werden verlässlich sagen können, wer Recht hat und ob Südtirol um die Jahrtausendwende zu stabilen Verhältnissen gefunden hat oder ob seine Geschichte konfliktreich weitergehen wird.

Peter Trautwein
Steyr, Oktober 2001