EIN BLICK IN DIE AMERIKANISCHE GEGENWARTSLITERATUR

MEIN ANSATZ

Ich stelle Amerikanern, die nach Österreich kommen, gerne die Frage nach dem Unterschied zwischen ihrem und unserem Land. Gewöhnlich bekomme ich als Antwort zunächst Unverständnis, dann Zögern und schließlich die Feststellung, es gäbe gar keinen Unterschied. In Amerika fährt ja jeder Auto so wie in Österreich auch, wenngleich die Amerikaner sich auf der Straße vielleicht gesitteter benehmen (sehe ich von New York ab, mag das sogar stimmen!). Amerikaner wie Österreicher lieben Hollywood Filme. Kabel- u. Satellitenfernsehen schätzen wir alle gleichermaßen. Amerikaner reisen nach Europa, Europäer zieht es nach Amerika. Amerikaner mögen und kritisieren McDonalds. Österreicher kritisieren und mögen McDonalds. Coca Cola gibt es hier und dort, und außerdem tragen wir Österreicher keine Lederhosen sondern Jeans.

Eine andere, durchaus interessante Variante von Antwort verliert sich in vielen vermeintlich charakteristischen Details, die den Amerikaner ausmachen sollen. So führte mir mein Freund Omar Estivill, Arzt in New York, vor drei Jahren stolz in Amerika einen Bankomaten vor, von dem er jetzt, mitten in der Nacht, Geld abheben werde - worauf ich ihm meine Oberbank Bankomatkarte zeigte.

Jahre zuvor hatte er bei mir die zu dem Zeitpunkt zufällig tatsächlich blaue Donau auf eigenen Wunsch gesehen. Wir erforschten damals Steyr gemeinsam, touristisch. Unsere Programmpunkte an jenem Halbtag waren das Haupthaus Hartlauer und das nun Gott sein Dank endlich demolierte Forum-Ungetüm. Ich habe mich damals ganz nach den Wünschen meines Gastes gerichtet. Außerdem merkte ich, daß ihm beim Anblick unserer schönen Altstadt gewissermaßen die Worte fehlten. Umgekehrt ist mir jener Typ Österreicher nicht unbekannt, der einem Gang durch die Plus City in Pasching deutlich mehr abgewinnt als einer Besichtigungstour in die barocke Klosterkirche Garsten.

Einen Schlüssel, um nun doch besser zwischen den beiden Kulturen differenzieren zu können, liefert uns die Literatur. Sie bietet Einblick in den jeweiligen Gesellschaftszustand und weist uns den notwendigen Weg über alle gängigen Cliches hinweg in die tatsächliche Wirklichkeit. Der Schriftsteller befaßt sich sehr oft mit den Fragen, die gerade anstehen und die die Menschen beschäftigen. Ist er gut, kann er seine Überlegungen allgemein gültig machen, und so gibt er uns die Orientierungen, die wir brauchen und ohne ihn nicht so leicht haben könnten. Ich will nun versuchen, die amerikanische Literatur mit Blickrichtung auf 'Jetzt' an Hand von wenigen Beispielen so zu erläutern, daß auch das Amerikanische daran sichtbar wird. Vorerst aber noch ein paar allgemeine Feststellungen.

CREATIVE WRITING

Der Amerikaner vertritt die Meinung, daß der Schriftsteller ein Handwerk beherrscht, welches sich von jedermann erlernen läßt. Demzufolge gibt es zahlreiche Schreibworkshops und Kurse, sogar auf Universitätsebene. 'Creative Writing' wird dort also regelrecht gelehrt. Sehr häufig sind es Autoren, die diese Kurse halten. Auch hochkarätige Leute widmen sich dieser Angelegenheit. Europa ist hier zurückhaltender. Der Gedanke, daß im Prinzip jeder das Schreiben erlernen kann, ruft Skepsis hervor. Schriftsteller sind für uns Leute, die in erster Linie das nötige Talent dazu besitzen und ihre Tätigkeit ohne dieses Talent nicht erlernen können. Unser Schreibwerkstätten dienen eher der Weiterentwicklung dieses Talentes. Schriftsteller kann demzufolge eben nicht jeder werden.

Die amerikanischen Sichtweise entspricht ganz dem 'Amerikanischen Traum', einer Vorstellung, auf die ich im Weiteren noch wiederholt anspielen werde. Diesem Traum zufolge kann im Prinzip jeder immer alles erreichen, obwohl das erwiesenermaßen nur für ganz, ganz wenige Leute wahr wird. Die berühmten Schlagworte 'from rags to riches', 'from dishwasher to millionnaire' kennt jeder.

Als ich vor einiger Zeit aus einer gewissen Frustration heraus einem Anglistik-Kollegen gegenüber die Frage aufwarf: 'Wie kann ich meinen Schülern Schreiben beibringen!?' war seine Reaktion zwar scherzhaft aber eine Europäische. Er sagte nämlich ohne viel nachzudenken ganz spontan: 'Kann man denn das?'

E-KULTUR VERSUS U-KULTUR

In der europäischen Tradition gibt es eine strikte Trennung zwischen 'guter' oder 'gehobener' Literatur und deren Gegenteil. Im Amerikanischen fehlt dieses Bewußtsein. Als ich vor einiger Zeit den Bestseller 'Bridges of Madison County' von James Waller empfahl, erkannte ich erst im Nachhinein an der Reaktion, daß diese sentimentale Geschichte als 'terrible trash' empfunden wurde. Ich hatte diesen für uns wichtigen Unterschied nicht bedacht. Besagte Geschichte wurde dann übrigens 1995 verfilmt, mit Meryl Streep als Francesca und Clint Eastwood als Robert Kincaid und kam bei uns unter dem Titel 'Die Brücken am Fluß' in die Kinos. Der Umstand, daß die Amerikaner in solchen Fragen weniger wertend auftreten, hat mich lange Zeit verwirrt. Ich mußte damit umgehen lernen.

Auch der angesehene Autor Kurt Vonnegut findet nichts dabei, 'Trash Literature' zu produzieren. Ich denke da an seine Kurzgeschichte 'Long Walk To Forever', in der Newt seine Jugendfreundin Catherine nach Jahren, wenige Tage vor deren bevorstehender Hochzeit aufsucht. Sie steckt mitten in den Vorbereitungen für das Fest und hat eigentlich nicht Zeit für ihn. Aber er hat seine Liebe für sie entdeckt, die er in all den gemeinsamen Jahren der Freundschaft nie wahrgenommen hatte. Jetzt will er nicht zulassen, daß sie einen anderen heiratet und überredet sie zu einem Spaziergang. Sie hält nichts davon, geht aber dann doch mit, und von diesem Ausflug kehren sie nicht mehr zurück. Dazu kommt noch: Er dürfte gar nicht bei ihr sein, er ist nämlich Armeeangehöriger und hat die Kaserne ohne Urlaubsschein verlassen.

Größeren Schund kann ich mir nicht denken und die Reaktion meiner Schüler angesichts so einer Geschichte brauche ich nicht eigens zu beschreiben. Dem Kurt Vonnegut in Amerika schadet so eine Geschichte jedoch nicht. Sein hohes Ansehen bleibt weiterhin intakt.

DAS 'WEITHERGEHOLTE'

Ich meine, daß in es in der amerikanischen Literatur das 'Weithergeholte' gibt, etwas auf das wir nie kommen würden und wo wir uns auch im Nachhinein, wenn wir es einmal kennen, fragen, was es soll. Ich denke da zum Beispiel an den Roman 'Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten' von Robert Pirsig aus dem Jahr 1974. Auf einen derartigen Titel kommt man gar nicht so ohne weiteres, und als ich das Buch, übrigens mit Genuß, las, war ich über den Inhalt überrascht. Es war von vielen Dingen die Rede, die ich mit dem Titel nicht in Verbindung gebracht hätte. So stellte Pirsig zum Beispiel umfangreiche Überlegungen über das Verfassen guter Aufsätze an.

Die Assoziationen sind im Amerikanischen oftmals viel freier, die Bindungen und Konventionen weniger und von geringerer Intensität als bei uns. Das schafft Raum für noch nie Dagewesenes, es ermöglicht Kreativität mit ungeahnter Kraft. Umgekehrt haben in diesem Raum auch das Banale, das Dumme, das Naive schön Platz. Wo wir dieses wahrzunehmen glauben, äußern wir uns oft mißbilligend. Nicht immer haben wir dabei allerdings recht. Allzu häufig verwenden wir die europäische Brille dort, wo eine amerikanische angebracht wäre. Damit stellt sich dann die Frage, wie gut man mit einer falschen Brille sieht.

Dieses 'Weithergeholte' findet sich nicht nur in der Literatur. Es ist ein generelles Kulturmerkmal. Ich denke hier an den vorzüglichen Vortrag eines Soziologen vor Jahren, der mit dem Titel 'Sport, Democracy, and the Myth of Sysyphus' Perspektiven zueinander in Beziehung brachte, auf die wir Zuhörer wohl kaum selbst gekommen wären. Auch Joel Garreau's Kühnheit, die gesamten USA in seinem Buch 'Nine Nations of America' völlig neu nach ungewohnten aber sinnvoll erscheinenden Gesichtspunkten zu ordnen, konnte vermutlich nur dadurch zum Zug kommen, daß es für ihn eine selbstverständliche Vorgehensweise ist, die traditionellen Denkkategorien und Einteilungen radikal zu verlassen.

Wurde mir allerdings im Restaurant der größten Mall in Downtown Columbus, Ohio frisch gebackenes Brot in einem irdenen Blumentopf serviert, oder bekam ich im Mr Bojangles, einer Kellerbar in Athens, Ohio, die alle Biersorten der Welt offerierte, Bier im Marmeladeglas mit Gewinde und Maßeinheiten darauf serviert, so ist das die Kehrseite dieser amerikanischen Unbekümmertheit. Oder aber es gibt nicht bloß verschiedene Brillen, mit denen wir die Kulturen betrachten, sondern es sind auch unsere Augen andere. Dann hätte ich wohl eine europäisches Auge, das ich nicht wechseln kann wie eine Brille.

AUSGEWÄHLTE BEISPIELE AMERIKANISCHER LITERATUR

Um endlich zur Sache zu kommen, gehe ich nun auf einige wenige Autoren ein. Ich will versuchen, sie und ihre Bedeutung an Hand von Leitgedanken als Vertreter amerikanischer Gegenwartsliteratur sichtbar zu machen. Ihre Namen sind J. D. Salinger, Kurt Vonnegut, E. L. Doctorow, Elia Kazan, Tom Wolfe, Amy Tan, Douglas Coupland, Paul Auster, T. C. Boyle, Annie Proulx, Flannery O'Connor und Jerzy Kosinski.

J. D. Salinger lebt extrem zurückgezogen. Es gibt sogar Unklarheiten bezüglich seiner Identität und eine einschlägige New Yorker Party hatte vor allem deshalb viel Zuspruch, weil bekannt wurde, daß Salinger dort sein werde. Die Party ging allerdings zu Ende, ohne daß sich der Unbekannte geoutet hätte und das Rätselraten um seine Person setzte sich fort.

Das Werk, mit dem Salinger berühmt wurde, ist der 'Fänger im Roggen' aus dem Jahr 1951. Diesen Roman kann man durchaus auch heute noch selbst jungen Leuten als Lektüre zumuten. Es geht um den Jugendlichen Holden Caulfield, der keine Schule durchsteht und dem es nicht und nicht gelingen will, einen positiven Weg in die Erwachsenenwelt zu gehen. Er weicht ständig aus und träumt immer von einem Leben, das es nicht gibt. Im Buch begleiten wir ihn drei Tage lang in New York. Dort treibt er sich herum, denn er will nicht nach Hause. Seine Eltern wissen zu dem Zeitpunkt nämlich noch nicht über sein diesmaliges schulisches Scheitern Bescheid. Holden endet im Sanatorium, von wo aus er seine Geschichte erzählt. Meine Schüler haben Holden Caulfield bisher entweder absolut verachtet oder bestens verstanden. Gleichgültigkeit habe ich wenig erlebt. Kritiker nannten Holden Caulfield einen modernen Huckleberry Finn, der lieber zum Teufel ginge als erwachsen zu werden. Vergleicht man das Erwachsen-werden als das sich Einfügen-lernen in eine vorhandene Zivilisation, so erkennt man im 'Fänger im Roggen' wie in 'Huckleberry Finn' den typischen Amerikaner wieder, nämlich jenen Menschen, den es immer weiter nach Westen zieht, weil er sich permanent auf der Flucht vor dem geregelten Leben befindet, in das er sich einfach nicht hineinfinden kann. Ich werfe an diesem Punkt nun auch noch die Frage auf, wie erwachsen der frühere Präsident Bill Clinton wohl manches Mal gewirkt hat.

Der Klappentext auf 'Shampoo Planet' stellt diesen Coupland Roman aus den 1990er Jahren übrigens (zu recht) in eine Tradition mit Salingers 'Fänger'.

Die anderen genannten Autoren publizieren immer noch. Coupland, Proulx, ebenso Boyle, Irving und Wolfe werden auch bei uns gerne gelesen. Sie schafften es in Österreich auf die Bestseller Listen. Auster ist wohl jener Autor, der für Europa am geeignetsten schreibt. Sein Bekanntheitsgrad in Amerika ist weniger hoch als bei uns. Kosinski, dessen Biografie wohl die interessanteste ist, lebt leider nicht mehr. Er hat Selbstmord begangen.

Damit ich von meinen Grundaussagen nicht allzusehr abkomme, und aus Zeitgründen, beschränke ich mich hier auf die allernötigsten Zusammenhänge. Wer mehr über die jeweiligen Autoren und ihre Werke erfahren möchte, kann dies ganz leicht über das Internet tun. Allerdings glaube ich, daß die Lektüre des einen oder anderen Werkes wesentlich mehr Bedeutung hat.

Daß meine Auswahl subjektiv ist, brauche ich hier nicht eigens zu betonen. Es versteht sich ohnehin von selbst.

DAS EINWANDERERLAND AMERIKA

Alle Amerikaner sind Einwanderer oder stammen aus Einwanderer-Familien. Das schlägt sich im amerikanischen Selbstverständnis nieder und führt zu einer speziellen, bei uns weniger üblichen Sichtweise, die sich noch dazu im Lauf der Zeit verändert hat. War man lange Zeit auf so etwas wie einen 'echten' Amerikaner fixiert, an dessen Identität sich alle auszurichten versuchten, so standen nun plötzlich die Unterschiede mehr im Vordergrund. 'Multikulturelle' Literatur wurde in den 1990er Jahren geradezu Mode, und wer etwas auf sich hielt, begann sich zunehmend mit dem 'anderen', dem 'fremden' Amerika zu beschäftigen. Auf diese Weise kamen Autoren wie Amy Tan oder Annie Proulx auf die Bestsellerlisten, die über dem Leser nicht so vertraute Verhältnisse schrieben.

Amy Tan ist chinesischer Herkunft. Sie wurde in Kalifornien geboren und hatte damit zu kämpfen, daß ihre Mutter sie nach dem traditionellen chinesischen Wertesystem zu erziehen suchte. Sie kannte schließlich kein anderes. Die daraus resultierenden Konflikte beginnt die Autorin nun nach dem Tod ihrer Mutter in 'The Joy Luck Club' (Himmlische Töchter) sehr einfühlsam aufzuarbeiten. Das gelingt ihr, indem sie sich den Geschichten öffnet, welche die Freundinnen ihrer Mutter beim Kartenspiel über ihr Leben und ihre Töchter zu erzählen wissen. Eine der Geschichten sei exemplarisch hier skizziert: In 'Half and Half' ist die Erzählerin, eine kalifornische Chinesin, mit einem Mainstream-Amerikaner, einem WASP (White Anglo Saxon Protestant), gut befreundet. Er lädt sie zu sich nach Hause ein. Die Familie ist umgänglich und nett. In einem Vieraugengespräch deutet die Mutter des Freundes allerdings an, daß sei einer Heirat ihres Sohnes mit einer Vietnamesin! nicht zustimmen werde - vor allem wegen der Freunde des Hauses und wegen der Karriere des Sohnes. Selber wäre sie zwar aufgeschlossen genug, aber die junge Frau möge verstehen... Die Studentin ist zutiefst verletzt. Es schmerzt sie auch sehr, daß die Mutter ihres Freundes Vietnamesen und Chinesen nicht voneinander unterscheiden kann, und sie ist verwundert, weil Heirat zu dem Zeitpunkt zwischen ihnen beiden nicht einmal ein Thema war. Nach dem Besuch erzählt sie den Vorfall ihrem Freund. Dieser ist empört, will beweisen, daß er nicht so ist wie seine Eltern, und bricht mit ihnen. Auf einmal ist sehr wohl die Rede von Ehe und sie heiraten schließlich gegen den Willen beider Eltern. Auch die Mutter der Frau war strikt dagegen, denn sie kann nicht glauben, daß eine Ehe zwischen Chinesen und WASPS jemals Bestand haben würde. Jahre später geht die Ehe tatsächlich in Brüche. Beider Eltern hatten somit recht behalten, aber es wird ihnen nicht bewußt, daß ihre Gründe die Falschen waren.

In Frau Tans 'Die hundert verborgenen Sinne' geht es um die Schwestern Olivia und Kwan, die außer demselben Vater nichts gemeinsam haben. Olivia ist eine erfolgreiche Fotografin aus San Francisco, die mit ihren chinesischen Wurzeln nicht mehr viel verbindet. Kwan dagegen repräsentiert die andere, die chinesische Kultur. Sie glaubt an Geister und Mythen, erzählt merkwürdige Geschichten und empfindet eine tiefe Zuneigung für ihre so gegensätzliche Schwester. Olivia begegnet Kwan immer mit einem Gefühl der Überlegenheit - bis zu dem Zeitpunkt, als ihre Ehe zerbricht. Kwan macht den Vorschlag, gemeinsam in die alte Heimat zu fahren...

Die Autorin Tan sucht also Wege, um die beiden konträren Welten für sich zu vereinen und zu versöhnen. Dabei vermittelt sie Erfahrungswelten, die in dieser Form nicht die Üblichen der Amerikaner sind. Und sie stößt damit auf Interesse.

Annie Proulxs 'Das Grüne Akkordeon' ist ja bekannt: Das grüne Akkordeon, das 1890 in Sizilien gefertigt wurde, gelangt mit seinem ersten Besitzer nach Amerika und erlebt fast 100 Jahre lang eine Odyssee durch den Kontinent, wird gestohlen, verkauft, verpfändet und verschenkt und begleitet die Nachfahren verschiedener Einwanderersippen auf ihrer Suche nach einem besseren Leben. Der Roman, voll Musik und Leidenschaft, voll Schmerz und Gewalt, erzählt von der Geschichte Amerikas und vom Schicksal der Menschen, die es schufen.

Ich hebe nur den Anfang hervor: Der sizilianische Akkordeonbauer will unbedingt nach Amerika, seine Frau sträubt sich dagegen vehement aber vergeblich und bekommt vor der Abreise einen Schlaganfall. Der Akkordeonbauer fährt trotzdem. Er nimmt aber nur den kleinen Sohn mit. Die Töchter bleiben bei der Familie, die sich um die Pflege der Mutter kümmert, und sie hassen ab nun ihren Bruder. Alle mit Ausnahme der pflegebedürftigen Mutter glauben zu wissen, daß Amerika eine wunderbare Welt ist, in der sie frei von den drückenden Sorgen der Heimat ein gutes Leben führen können. Sie träumen den Amerikanischen Traum. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Der Akkordeonbauer faßt schwer Fuß. Er und sein Sohn müssen in New Orleans unter drückenden Umständen das Leben fristen, und am Ende fällt er einem Mord zum Opfer. Das grüne Akkordeon ist längst in anderen Händen und beginnt seine lange Reise. Der Sohn aber haßt nun den Vater. Er wirft ihm absurderweise vor, daß er sich umbringen hat lassen, und er weiß ganz genau, daß ihm das nicht widerfahren wird. Der Sohn hat sich also abgesetzt. Er träumt jetzt den eigenen amerikanischen Traum und beginnt sein Leben.

Natürlich sind Einwanderungsthematik und multikulturelles Leben nichts wirklich Neues in Amerika. Es hat sie immer gegeben. Elia Kazan, der berühmte Regisseur der Steinbeckverfilmung 'Jenseits von Eden' (mit James Dean) hat bereits 1962 ein eindringliches Buch zu dieser Thematik verfaßt. Der Titel ist 'America America'. Nach einer Odyssee kommt der junge Stavros aus Anatolien nach New York, hat aber keine Berechtigung das Schiff zu verlassen. Dies wird ihm unverhofft möglich, weil sein kranker Freund Hohannes aus Verzweiflung über Bord springt und er nun dessen Identität annehmen kann. Auf Ellis Island machen die Einwanderungsbehörden einen amerikanischen Namen aus Hohannes. Als Joe Arness beginnt Stavros nun sprachlos (er kann kein Wort Englisch) ein neues Leben. Der gewaltsame Bruch mit der Vergangenheit ist vollzogen. Das neue Leben kann beginnen. Seine Identität ist neu, er hat ja nicht einmal mehr seinen alten Namen.

Auch E. L. Doctorow hat in seinem wunderbaren Roman 'Ragtime' Einwanderung als ein (aber nicht einziges) Leitthema. Der polnische Einwanderer Tateh verstößt seine Frau als er erfährt, daß sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber prostituiert. Sie hat sich diesem widerwärtigen Mann nicht verweigert, da dies die einzige Chance ist, ihre Familie am Leben zu halten. Weder ihre Näherei noch die Scherenschnittkunst ihres Mannes hatten genug eingebracht. Tateh fehlt aber das Verständnis. Er ist am Boden zerstört, verjagt seine Frau, erklärt sie nach jüdischer Tradition für verstorben, und bricht nun gemeinsam mit seiner kleinen Tochter auf in das neue Amerika. Er hat Erfolg. Am Schluß des Romans ist er ein innovativer Filmproduzent, der Aufmerksamkeit auf sich lenkt, und wenn Doctorow ihn eingangs als alten, gebeugten Mann schildert, so ist er nun dynamisch und jung. Auch einen Namen hat er sich zugelegt. Er heißt jetzt Graf Ashkenazy und für ihn ist der amerikanische Traum wahr geworden. Der Bruch mit der Vergangenheit ist dem aber vorangegangen.

Die wohl am meisten beeindruckende Einwanderungsgeschichte, vor allem weil sie real ist, ist die des preisgekrönten amerikanischen Autors Jerzy Kosinski. Kosinski ist ein Kriegskind aus Polen. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs wird er getrennt von seiner Familie und in der nun folgenden traumatischen Zeit verliert er die Fähigkeit zu sprechen. Seine Schulbildung beginnt in der Taubstummenanstalt. Jahre später findet ihn die Familie wieder und wie durch ein Wunder beginnt er nach sechs stummen Jahren wieder sprechen. Aus ihm wird ein angesehener Soziologe.

Seine Tätigkeit bedrückt ihn zusehends. Er spürt, daß er seine Thesen nach den Spielregeln des totalitären kommunistischen Staatsregimes ausrichten muß und daß diese dann genau als Rechtfertigung für unterdrückerisches Vorgehen gegenüber Einzelpersonen benutzt wird oder werden kann. Umgekehrt fürchtet er, der Staat könnte sich gegen ihn wenden, sollte er von den offiziellen Vorgaben abweichen und seine eigenen Thesen entwickeln. Also strebt er ein weniger verfängliches Fachgebiet an und verfällt auf die Chemie. Der Weg dorthin führt ihn über die Fotografie. Als Fotograf machte er sich unerwartet rasch einen Namen, auch außerhalb Polens, in Rußland. Man gewährt ihm daher Zutritt zur Universitäts-Dunkelkammer und der darf sogar einschlägige westliche Fachliteratur lesen. In der Dunkelkammer fühlt er sich erstmals wirklich unbeobachtet und frei, und er wagt es sogar, vorsichtig und eher kurz, verbotene Literatur zu lesen. Insgesamt wird ihm aber klar, daß er in seinem Land nicht bleiben will und er entwirft eine Auswanderungsstrategie, die auch seine Familie schützen wird.

Er erfindet regelrecht eine Anzahl einflußreicher Bürokraten und Hochschulprofessoren, die in einem regen Briefwechsel darüber beraten, ob sie ihn zu einem Kongreß nach New York fahren lassen sollen. Drei dieser nicht existierenden Professoren läßt er dafür sein, einer argumentierte konsequent dagegen. Auf diese Weise kommt Kosinski 1958 zu einem offiziellen Ausreisevisum nach New York. Englisch spricht er zur Zeit seiner Einreise in Amerika nicht. Zweieinhalb Jahre später veröffentlicht er zwei Studien, 'The Future is Ours', 'Comerade und No Third Path' in englischer Sprache.

Mit den darauffolgenden Romanen 'The Painted Bird', 'Steps', 'Being There' und anderen wird Kosinski ein preisgekrönter amerikanischer Autor ersten Ranges. Über die englische Sprache sagt er, sie sei leicht zu erlernen aber beinahe unmöglich zu meistern. Gelernt hat er sie via intensiven Briefwechsel von seinem Vater in Polen, der ihm als Philologe das nötige theoretische Rüstzeug vermittelte. Darüber hinaus konsultierte er Grammatiken und Wörterbücher. Sein gesprochenes Englisch blieb wesentlich länger gebrochen als sein schriftlicher Ausdruck. Da er aus seiner fremden Erfahrungswelt heraus schrieb, zweifelte er daran, daß die Amerikaner nachvollziehen würden, was er ihnen in seinen Büchern mitteilte. Um dem vorzubeugen, rief er häufig Telefonvermittler(innen) an, erklärte ihnen sein Anliegen, und las ihnen Textpassagen vor, die er gerade formuliert hatte. An ihren Reaktionen versuchte er sich zu orientieren. Anfangs mußte er sogar schriftlich vorbereiten, was er am Telefon sagen würde, da er sich auf sein spontanes Englisch nicht verlassen konnte. In gewisser Hinsicht ist seine praktische Art der Problemlösung typisch amerikanisch - im Sinne von 'alles was geht ist gut.'

In 'Being There' geht es um den Gärtner Chancey Gardener, der geistig nicht voll auf der Höhe ist und aus dem Garten seines Herrn nie fortkommt. Er kennt die Welt nur durchs Fernsehen. Als sein Herr stirbt und der Haushalt aufgelöst wird, befindet er sich plötzlich in der realen Welt. Alle seine Reaktionen sind ungewöhnlich, weltfremd und nicht zielführend. Durch Zufall trifft er auf Leute, die aus den Gemeinplätzen, die er nur sagen kann, immer eine Menge für sich herauslesen und seine Gesellschaft schätzen. Es besteht aber ständig die Gefahr, daß sie ihn durchschauen und er nicht mehr bestehen kann. Beunruhigend wird auch empfunden, daß niemand über seine Vergangenheit Bescheid weiß. Am Ende der Geschichte ist man aber so weit, daß er als Präsidentschaftskandidat aufgebaut werden soll. 'Being There' wurde 1979 verfilmt. Peter Sellers spielt die Rolle des Chancey Gardener ganz ausgezeichnet.

Laut Kosinski wird das Lesen von Romanen wie eh und je ein Minderheitenprogramm bleiben, aber es wird nie aussterben. Allerdings steht er auf dem Standpunkt, daß es sich zunehmend um irritierende Literatur handeln wird, welche die Grenzen des Erträglichen oder Perversen auszuloten sucht. Damit trifft er sich mit der Autoren Flannery O'Connor, die Ähnliches ausspricht. Ihr zu Folge muß Literatur in der heutigen Zeit schockieren, um wahrgenommen zu werden. In O'Connors 'A Good Man is Hard to Find' wird dann tatsächlich eine sich auf Urlaubsreise befindende, harmlose Familie von einem Geistesgestörten sinnlos hingerichtet.

O'Connor schreibt aber auch über 'displaced persons'. In der Geschichte 'The Displaced Person' kommt eine polnische Familie infolge der europäischen Zweiter Weltkriegs-Wirren auf eine Farm im amerikanischen Süden. Im Gegensatz zu den dort immer schon arbeitendenden Schwarzen und weißen Tagelöhnern arbeiten die Neuankömmlinge effizient und bringen der verwitweten Farmerin einen guten Ertrag. Das soziale Gefüge ist jedoch nun irritiert, die Sache eskaliert, und bei einem inszinierten Traktorunfall kommt der tüchtige Pole ums Leben. Alle ziehen weg und die Farm verfällt. Die Frage, was denn 'displaced people' eigentlich seien, stiftet Verwirrung, denn 'irgendwo muß doch jeder sein'. Außerdem wird ungeheuer deutlich, was Vorurteile anrichten können.

Kosinski macht weiters aufmerksam, daß Literatur eine wesentlich realere Wirkung auf die Menschen hat als etwa Fernsehen oder Film. Das Bild wird zur Kenntnis genommen ebenso wie die Tatsache, daß es sich um ein Bild handelt und nicht um Realität. Man kann sich von ihm durch rationale Überlegung wieder distanzieren. Das geschriebene Wort hingeben muß zunächst entschlüsselt und in ein inneres Bild verwandelt werden, bevor man es wahr nimmt. Danach ist aber die Verinnerlichung bereits passiert und man kann es nicht wieder ungeschehen machen.

Zuletzt noch weitere Hinweise auf Gegenwartsautoren, die über Multikulturalismus und Einwanderung schreiben:

DIE GEGENWART BETRACHTEN

Zwei Fragen sind wohl relevant: Wie sieht Amerika heute aus? Und: Wie sollen wir die jungen Generationen verstehen und einschätzen? Antworten auf die erste Frage kommen von Tom Wolfe, der schon seit Jahrzehnten sein diesbezügliches Talent stets aufs Neue beweist.

In 'A Bonfire of the Vanities' (Das Fegefeuer der Eitelkeiten) schildert Wolfe bestens und auf spannende Weise das Milieu der Yuppie Generation der 80er Jahre, die als Börsenmakler noch nie gesehene Mengen an Kapital für sich lukrieren können. Einer von ihnen verliert aber seine Position, sein Ansehen und sein ganzes Hab und Gut als er einer Frauengeschichte wegen einen Unfall, den er gar nicht selber verursacht hat, nicht sofort meldet und sodann in Teufels Küche gerät. Er endet im Gefängnis. Dazwischen liegt ein ganzes Zustandsbild der Stadt New York, welches einen nicht losläßt.

In 'A Man in Full' (Ein ganzer Kerl) aus dem Jahr 1998 schildert Wolfe die Misere des Realitäten-Tycoons Charlie Croker aus Atlanta, der in fortgeschrittenem Alter um den Bestand seines Imperiums mit ganzer Kraft kämpfen muß, weil er sich verspekuliert hat. Zum Schluß, als sich ihm durch einen Politpoker ein Schlupfloch auftut, schmeißt er alles hin, gibt auf, blamiert dabei auch noch maßgebliche Leute öffentlich, und findet nichts an seinem Niedergang. Er hat nämlich auf wundersame Weise den griechischen Philosophen Seneka entdeckt. Sein bisheriges Leben interessiert ihn nicht mehr. Er hat jetzt neue Perspektiven. Er versteht nun Zeus und die griechische Götterwelt und wendet sich von seinem bisherigen Leben völlig abrupt ab. Seine neue Karriere ist die eines Predigers, der seine Ruhe gefunden hat und der Gutes tun will. Es handelt sich um einen amerikanischen Karrierewechsel höchster Klasse und Sonderbarkeit. Wie 'A Bonfire of the Vanities' ist 'Ein ganzer Kerl' endlos lang. Es hat an die 800 Seiten. Man liest es dennoch schnell und mit Vergnügen, weil es voller interessanter Details ist, die das Leben in Atlanta um die Jahrtausendwende und die gegenwärtige, durch Reichtum und Besitz besonders verrückt wirkende amerikanische Welt veranschaulichen.

Seit ganz kurzer Zeit ist ein weiteres Buch von Tom Wolfe auf dem Büchermarkt. Es trägt den Titel 'Hooking Up. Neuigkeiten aus dem Weltdorf'. Ich hab es im November in London gekauft. Es gibt es inzwischen auch bei uns und ich zitiere nun den folgenden Artikel vom 10. März 2001:

Tom Wolfe langt wieder kräftig zu. Zwei Jahre nach seinem Roman «Ein ganzer Kerl», elf nach dessen Vorgänger «Fegefeuer der Eitelkeiten» streift er in «Hooking up. Neuigkeiten aus dem Weltdorf» (Blessing, 347 Seiten, Fr. 44) nun durch ein amerikanisches Jahrhundert. Freud, liest man, dient nicht mehr, stattdessen wirken Antidepressiva; Marx' Lehre brach längst vor 1989 in sich zusammen. Wie in ein «intellektuelles Vakuum» drängten nun die Neurowissenschaft und der Glaube an die Allmacht der Gene. Derweil die so genannten Intellektuellen vor allem «Verachtung» verbreiteten und gelegentlich etwas «Rokoko-Marxismus».
Was zwischen Jungs und Mädchen abgeht, die Anfänge von Silicon Valley, Aufstieg des «Brain Imaging», das Verschwinden der Seele: Dazu legt der prominente Verfechter des «New Journalism» nun schillernde Essays vor. Mal schmettert er ironisch, mal spuckt er Galle, meistens glüht er patriotisch. Und kontert den drei Schriftsteller-Kollegen, die seinen «ganzen Kerl» scharf kritisierten: John Updike («Unterhaltung, aber keine Literatur»), Norman Mailer (Journalist Wolfe wohne im «King-Kong-Königreich der Mega-Besteller») und John Irving («Gequassel»). (Copyright © 1996-2001 Tamedia AG)

Jede Gesellschaft steht vor der offenen und mitunter wenig behaglichen Frage nach ihrer Zukunft. Den Schlüssel dazu, die jüngere Generation, kann man selten wirklich gut oder richtig einschätzen. Vor wenigen Jahren veröffentlichte der Kultautor Douglas Coupland sein vielzitiertes Werk 'Generation X'. Die Welt stürzte sich darauf und interpretierte es als eine Charakterisierung der neuen Jugend. Auch wenn Coupland diesen umfassende Anspruch ablehnte und klarlegte, daß er damit niemals eine ganze Jugend charakterisieren wollte, daß dies ja gar nicht einmal möglich sei, gibt dieses Werk Aufschluß über das Verhalten von immerhin einer bestimmten, real existierenden Gruppe von Jugendlichen.

[Generation X brachte] 'das Lebensgefühl der - damals - 'Twenty-somethings' exakt auf den Punkt [...] und [wurde] zum Millionenbestseller [...]. [Es gab kaum einen] Post-Babyboomer, der sich nicht mit den Antihelden Andy, Dag und Claire identifizieren konnte, jenen Aussteigern in der Wüste von Palm Springs, die die Suche nach dem Yuppie-Glück aufgegeben haben und sich von McJob zu McJob retten. Dazu [kam] ein Vokabular, das viele Coupland-Leser mittlerweile verinnerlicht haben: 'Veal-fattening pen' etwa, jene Bezeichung für eine 'beengte Büroarbeitsstätte, gebaut aus textilverkleideten, zusammensetzbaren Wandelementen [...], benannt nach den winzigen Mastpferchen, die in der Viehzucht für schlachtreife Tiere benutzt werden'. Oder der kultige 'Mid-twenties breakdown': 'Eine Periode geistigen Kollapses im Alter zwischen zwanzig und dreißig, oftmals ausgelöst durch die Unfähigkeit, außerhalb der Uni oder einer durchstrukturierten Umgebung zu funktionieren, gekoppelt an die Erkenntnis des wesentlichen Alleinseins in der Welt' (Die Presse: Schaufenster Nummer 12/16. März 2001)'

Durchaus interessant in diesem Zusammenhang sind zwei weitere Werke Couplands, nämlich 'Shampoo Planet' und 'Microserf', und ich zitiere abermals aus dem Schufenster Artikel aus Die Presse vom 16. März 01, in dem steht:

'... ein Buch über die 'Erben' der Generation X ('Shampoo Planet'), die 'Global teens' der 90er Jahre, denen jeder politische Diskurs fernliegt und die ihr Leben hauptsächlich über Marken definieren. Den damals immer wieder geäußerten Vorwurf, ein oberflächliches 'Name dropping' der Mode- und Konsumwelt zu liefern (Coupland wurde unter anderem mit 'American Psycho'-Autor Bret Easton Ellis verglichen), läßt der streitbare 39jährige nicht auf sich sitzen: 'Es ist einfach heuchlerisch, wenn man so tut, als würden Marken nicht unser kulturelles Umfeld bestimmen. Ich werde richtig zornig, wenn manche Autoren glauben, sie könnten sich 'verewigen', indem sie Markennamen bewußt nicht nennen. Die Typen in ihren Büchern fahren dann 'eine weiße Limousine'. Fuck you! Sie fahren einen Ford!'
Am Puls seiner Zeit war Coupland auch mit einem weiteren Geniestreich, dem Roman 'Microserfs' (zu deutsch: Mikrosklaven), der 1995 erschien: Die Geschichte einiger junger Programmierer, die für ihren 'Gott' Bill Gates schuften, bis sie sich von ihrem Peiniger befreien, avancierte ebenfalls zum Kultbuch - diesmal für die 'Computer geeks' in Zeiten des aufkommenden WWW. (Die Presse: Schaufenster Nummer 12/16. März 2001)

AUTOREN, DIE ICH PERSÖNLICH BESONDERS SCHÄTZE

Für den Schluß meiner Ausführungen habe ich mir drei Lieblingsautoren aufgehoben, nämlich Kurt Vonnegut, E. L. Doctorow und Paul Auster.

Kennen gelernt habe ich Kurt Vonneguts Werke während meines Studiums. Sein 'Schlachthof 5' stand auf der Leseliste für Anglistikstudenten. Es wurde mir zur Offenbarung und Vonnegut zählt heute zu jenen Autoren, von denen ich beinahe alle Werke gelesen habe. Nie zuvor hatte ich einen derartig absurden Mix an Unvereinbarkeiten gelesen. Billy Pilgrim, der Hauptheld, ist gar kein Held sondern dessen Gegenteil. Nichts hat er im Griff. Überall macht er eine besonders lächerliche Figur. Er ist ständig hilflos und als amerikanischer Kriegsgefangener im Schlachthof 5 in Dresden muß er das schreckliche, sinnlose Bombardement der Stadt miterleben. Dieses Trauma wird er den Rest seines Lebens nicht mehr los. Darüber können ihm die spätere Erfolgskarriere in der Optikerbranche ebensowenig hinweghelfen wie die Einheirat in eine reiche Familie. Besonders interessant ist die Erzählperspektive, denn irgendwann geht Billy Pilgrim der Sinn für Zeit und Ort verloren und er erlebt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ständig gleichzeitig. Besonders viele Dinge beobachtet er gar vom Planeten Tralfamadore aus, auf den er entführt wurde, um dort der bildhübschen Miss Wildhack Gesellschaft zu leisten, die sich dort einsam fühlt. In ihrer Umgebung fühlt er sich erstmals wirklich wohl. In Summe ist 'Schlachthof 5' ein Antikriegsbuch, gewidmet den unschuldigen Kindern, die niemals Krieg erleben sollten (Vonnegut versprach der Frau seines Freundes O'Hara, keinen kriegsverherrlichenden John Wayne-artigen Roman zu schreiben, der die nächste Generation wieder mit Kriegssehnsucht erfüllen würde). Der vollständige Titel lautet daher auch 'Schlachthof 5 oder der Kinderkreuzzug'. Während meiner Recherche bin ich bei Amazon auf folgendes E-Mail gestoßen. Es deckt sich mit meiner persönlichen Meinung und deshalb zitiere ich es hier:

Wer Vonnegut noch nicht entdeckt hat, dem ist wirklich etwas entgangen. Seit langem ist er einer der ersten Autoren, denen es gelingt, mich wirklich zu überraschen. Diejenigen US-Amerikanischen Provinz-Kleingeister, die in bester mittelalterlicher Manier seine Bücher verbrennen, haben ihn entweder nicht gelesen, oder nicht verstanden. Man muß es lesen, um zu verstehen, wovon ich spreche. Mir haben "Schlachthof 5" und "Mutter Nacht" dermaßen gut gefallen, daß ich sogleich beschloß, alle Vonnegut Bücher zu lesen. Autoren wie Vonnegut gelingt es wunderbar, uns vor Augen zu führen, wie flach und sinnlos unsere ach so bunte Konsumwelt ist. EXZELLENT! (MindQuest@Compuserve.com aus Selm, NRW, Deutschland , 16. Januar 1999)

Vonneguts jüngstes Werk ist vor ganz wenigen Jahren herausgekommen. Es trägt den Titel 'Zeitbeben'. Es ist letztlich eine Wiederholung vieler seiner üblichen Elemente und es kommt nicht an sein bestes Werk 'Schlachthof 5' heran. Dennoch hab ich es gern gelesen. Der Hauptheld ist in der mißlichen Lage, daß durch ein 'Zeitbeben' die Dimension Zeit in die Vergangenheit zurückgeworfen wurde. Das wirkt sich so aus, daß die Menschen nun ihr ganzes Leben wiederholen müssen. Ihr Unglück besteht darin, daß sie nun genau wissen, was auf sie zukommen wird, aber nichts dagegen tun können. Sie werden alle ihre Entscheidungen ebenso treffen wie beim ersten Mal und somit rennen sie sehenden Auges ins Verderben.

Von E. L. Doctorow schätze ich ganz besonders 'Ragtime'. Aufbau und Stil sind der gleichnamigen Musikrichtung nachempfunden, und der Roman spielt zu dieser Zeit. Es ist ein historischer Roman, der das Amerika des frühen 20. Jahrhunderts besonders sensibel einzufangen vermag. Die Geschichte beginnt mit einer wohlhabenden Familie in der Nähe von New York, in deren Leben man noch keine Schwarzen kennt. Die Frau weiß sich zunächst sehr gut bei ihrem Mann aufgehoben. Sie ordnet sich seinen rechtschaffenen Entscheidungen unter. Verunsichert beginnt er allerdings zu sehen, wie in zunehmend neuen Situationen sein klares Weltbild weniger zuverlässig funktioniert als bisher. Auch seine Frau artikuliert sich immer mehr eigenständig und am Schluß des Romans sind sie einander fremd geworden. Ein weiterer Störfaktor ist der jüngere Bruder der Frau, der in der Familie mitlebt, sehr zurückgezogen wirkt und sich nicht anpaßt. Er kommt mit der traditionellen Werteordnung (verkörpert durch den Vater) immer schlechter zu Rande. Sein Gerechtigkeitssinn ist stark strapaziert durch die deutlicher werdenden Ungerechtigkeiten dieser Welt, und letztlich gelingt es ihm nicht, ein positives Leben aufzubauen. Er endet als Terrorist. Die Familie wird weiters verwickelt in das tragische Schicksal des Coalhouse Walker, Jr. und seiner Sarah. Die beiden haben ein Kind und wollen heiraten. Coalhouse Walker hat eine gute Position als Jazz Pianist und kann sich sogar ein Auto, einen Model T Ford, leisten, was durchaus Anstoß erregt - handelt es sich doch um Schwarze. Eine Provokation durch primitive weiße Feuerwehrleute, die ihn am vorbeifahren hindern, kann Coalhouse Walker, Jr. nicht wegstecken. Er möchte um jeden Preis zu seinem Recht kommen, was mißlingt. Im Zuge der immer turbulenteren Ereignisse verliert Sarah ihr Leben und Coalhouse Walker wird zum Terroristen, der New York in Atem hält. Sein Schicksal ist ein typisches Michael Kolhaas Schicksal, und E. L. Doctorow hat auch diese Novelle von Kleist aus der deutschen Literatur als Vorlage genommen. Eine weitere Geschichte in Ragtime ist die bereits früher erwähnte Geschichte des Einwanderers Tateh. Er trifft gegen Ende des Romans auf die Mutter der Familie und diese findet Gefallen an ihm. Als Filmproduzent Graf Ashkenazi ist Tateh ein interessanter Mensch für sie. Alle drei Handlungen spielen sich vor dem Hintergrund des Zeitzusammenhanges ab, der durch eine Vielzahl kleiner Anekdoten über historisch authentische Persönlichkeiten attraktiv skizziert wird. Bezeichnenderweise macht Doctorow einen Unterschied zwischen Tateh und Coalhouse Walker, Jr. (auch Sarah) einerseits, und der Familie. Die haben nämlich keinen Namen. Sie heißen immer 'Vater', 'Mutter', 'Mutters jüngerer Bruder'. Auch 'Großvater', ein pensionierter Lateinprofessor, der die Welt gar nicht mehr einordnen kann, ist als stummer Beobachter ständig präsent. Der kleine 'Junge', der die Geschehnisse interessiert beobachtet, hat auch keinen spezifischen Namen. Es ist anzunehmen, daß er sich einmal artikulieren wird können. 'Ragtime' wurde in den 1970er Jahren von Milos Foreman verfilmt. In den 1990er Jahren entstand das Musical 'Ragtime'. Es wurde am Broadway aufgeführt und war ein großer Erfolg.

Wie Doctorows andere Romane auch, ist 'Ragtime' kein einfaches Werk. Dank seiner spezifischen Erzähltechnik hat es aber auf jeder Verstehensebene so viel Ausdruckskraft, daß es von vielen Leuten gelesen werden kann. Bei Doctorows letztem Werk 'City of God' ist dieser Effekt nicht gegeben. Der Roman ist im Jahr 2000 erschienen. Das von einer New Yorker episkopalischen Kirche gestohlene, schwere Eisenkreuz taucht rätselhafterweise auf dem Dach einer jüdischen Synagoge auf. Die beiden Geistlichen versuchen den Fall in Eigenregie ohne Polizei oder Behörden zu klären. Zugegen ist meist ein befreundeter Schriftsteller, der möglichst viel von dem sammelt, was er bei diesen Gesprächen und Überlegungen wahrnimmt. Er bekommt den Eindruck, daß die Auseinandersetzungen der beiden Geistlichen mit ihren jeweiligen religiösen Traditionen eine bestimmte Bedeutung für den Fall haben.

Ein wunderbarer Erzähler ist 'Paul Auster'. Für den sehenswerten Film 'Smoke' hat er das Drehbuch geschrieben. Der Film spielt in Brooklyn, wo Auggie Wren ein bescheidenes Zigarrengeschäft betreibt, in dem die Hauptakteure ständig aufeinandertreffen. Um die Vielfalt ihrer Geschichten geht es dann im Film. Die Annahme ist, daß New York aus Tausenden von Geschichten besteht, und etliche nun hier erzählt werden. Wie gut Auster zu erzählen vermag, erkennt man an einer Geschichte, die der vierzigjährige, weiße Autor Paul Benjamin im Film dem siebzehnjährigen, schwarzen Raschid erzählt. Es geht um einen Schifahrer, der unter eine Lawine kommt und den man nicht mehr findet. Damit beginnt die Geschichte aber erst, denn viele Jahre später ist sein Sohn in den Bergen unterwegs. Bei der Mittagsrast sieht er unter dem Eis plötzlich seinen verunglückten Vater liegen. Das Eis hat den Körper konserviert. Das verblüffende an der Sache ist, daß zu diesem Zeitpunkt der Sohn bereits älter ist als sein Vater zum Zeitpunkt seines Todes. Der Sohn hat also das ungewöhnliche Erlebnis, jünger zu sein als sein eigener Vater. Diese Geschichte bekommt nun ihr Eigenleben, denn wenige Stunden später gelingt Raschid das Kunststück, die Verkäuferin einer Buchhandlung, die er zum ersten Mal sieht, dazu zu bewegen, zu seinem Geburtstagsessen mit Paul Benjamin zu kommen. Es gelingt deshalb, weil er und Paul eine derart absurde Geschichte auftischen, daß sie sich einen unterhaltsamen Abend erhofft. Der siebzehnjährige, schwarze Raschid behauptet nämlich, er sei der Vater des über vierzigjährigen, weißen Paul Benjamin. Und nach einer kurzen Schrecksekunde unterstützt ihn Paul mit ernster Mine.

Nach dieser Geschichte überrascht die Handlung von Austers 'Mister Vertigo' wohl nicht mehr so sehr: 'Im Jahr 1927 hat der Jahrmarkt im amerikanischen Kansas seine Sensation: den Auftritt des zwölfjährigen Waisenjungen Walter Clairborne Rawley, der die Gabe hat, durch die Lüfte zu spazieren. Zu Verdanken hat er diese Fertigkeit seinem Ziehvater Meister Yehudi, einem ungarischen Juden. Dieser flößte ihm Mut und Ehrgeiz ein, die nötig sind, um solch ungewöhnliche Taten zu vollbringen. Doch, wo Erfolg ist, stellen sich schnell Neider ein: Schurken, Gangster, Erpresser, Angehörige des Ku-Klux-Klan und der Mafia. Walter gerät in höchste Gefahr und muß beweisen, daß er nicht nur die Schwerkraft bezwingen, sondern auch über sich selbst hinauswachsen kann'.

In 'Mond über Manhattan' geht es um Irrwege der Selbstfindung: Ganz auf sich allein gestellt, ohne Wohnung und Einkommen, ein Stadtnomade, überlässt Marco Stanley Fogg sich den Launen des Zufalls. "Paul Auster versteht sich darauf, mit erzählerischer Intelligenz Verwirrung zu stiften, um sie aufs pfiffigste wieder aufzulösen." (Der Spiegel)

Abschließend noch ein Hinweis auf Paul Auster bezüglich New York: Als Anna in der Stadt ankommt, wird ihr erstmal das Ausmaß an Chaos und Verwüstung klar, das dort herrscht. Die Straße, das Gebäude, nach dem sie sucht, existieren nicht mehr; die Zustände sind unbeschreiblich - die Stadt zerfällt, um zu überleben muß man plündern, stehlen, erfinderisch sein; Lebensmittel sind kaum erhältlich, Wohnungen der schiere Luxus. Eine ganze Reihe neuer Berufe hat sich entwickelt - Leichenaufsammler, Mörder, die vom Opfer selbst gedungen werden, Müllsammler, etc.

KEIN GUTES GEWISSEN

Natürlich ist meine Darstellung lückenhaft und ichbezogen. Wie sollte ich es auch anders machen? Eine Sache stört allerdings schon. Amerikanische Literatur ohne Hinweis auf Natives und Blacks wäre nicht gut. Deshalb hier zum Abschluß noch ein paar wenige Titel:

Bezüglich Black Americans empfehle ich:

© Peter Trautwein, März 2001

ANHANG