EIN BLICK IN DIE AMERIKANISCHE GEGENWARTSLITERATUR - ANHANG
ANNIE PROULX
GESCHICHTEN AUS WYOMING
Annie Proulx: Weit draussen. Geschichten aus Wyoming. Aus dem Amerikanischen von Oskar Halbsattel. Luchterhand Verlag, München 1999. 300 S., 38.60
Ausdrucksstarke Bilder,
filmischer Stil
Die Pulitzerpreisträgerin Annie Proulx zeichnet in elf Geschichten ein Bild des
heutigen Wilden Westens - hart, trocken und männlich. Von Yasmine Inauen
Annie Proulx ist eine späte Senkrechtstarterin. 1992 veröffentlichte sie mit 57 ihren ersten Roman "Postcards". Ein Jahr danach folgte "Schiffsmeldungen". Sie erhielt dafür alle grossen Literaturpreise Amerikas und wurde praktisch über Nacht zur weltweiten Bestsellerautorin - ein Erfolg, den sie mit "Das grüne Akkordeon" (1996) mühelos wiederholte. Schildern die ersten beiden Romane weit verzweigte Familiengeschichten - der in den USA herumirrende Loyal schickt jahrelang Postkarten nach Hause, während der träge Provinzredaktor Quoyle im Land seiner Vorfahren mit Schiffsmeldungen erfolgreich wird -, erzählt Proulx in ihrem dritten Buch die Geschichte der Einwanderer Amerikas. Auch in ihrer neuen Erzählsammlung "Weit draussen" ist Amerika, genauer der Staat Wyoming, zentrales Thema. Proulx beschreibt ihre Wahlheimat als eine raue, unwirtliche Gegend und spinnt mit lokalen Legenden ein Netz um sie herum, das sie magisch fremd und abweisend macht. Das Bild, das entsteht, ist kaum geeignet, die Touristenströme, die die Geschichten ab und zu durchkreuzen, zu einem Halt zu bewegen. Im Gegenteil. Wer dieses Buch gelesen hat, wird sich hüten, jemals nach Wyoming zu fahren.
Die Landschaft, geheime Protagonistin aller Erzählungen, ist von brutaler Weite. Versengte, dürre Prärien mit in der Hitze krachenden Felsformationen, in denen sich Klapperschlangen, Giftspinnen und Kojoten verbergen. Im glühenden Sommer von Heuschreckenplagen und Bränden heimgesucht, einem ständigen Wind ausgesetzt, der den Sand bis in die kleinsten Ritzen peitscht, wird das Land im acht Monate dauernden Winter von sintflutartigen Regengüssen heimgesucht, um schliesslich nach Blizzards in meterhohem Schnee zu versinken, welcher die Kälber mit einer Eisschicht überzogen auf den Weiden erstarren lässt und die Kadaver erst mit der Schneeschmelze freigibt. Der Lebensrhythmus der Farmer ist von den Naturgewalten bestimmt. Es entsteht ein Gefühl von Zeitlosigkeit, die nur hie und da von einem plötzlichen Einbruch der Gegenwart gestreift wird: Der Sohn kommt mit einem Handy von Las Vegas zurück, durchfahrende Touristen werfen leere Plastikflaschen auf die Strasse.
Verrückte Menschen
Und dennoch sagt ein Wyo: "Man geht hier nur weg, wenn man muss." Die Bewohner dieser Gegend sind, der unerbittlichen Natur ausgeliefert, ihr ähnlich geworden. Die Männer sind brutal, besoffen, promiskuitiv, schnell zu jeder Gewalttat bereit. Die geschundenen Frauen passen sich an oder versuchen verschlagen an der Macht der Männer teilzuhaben. "Wyos sind Grabscher, hitzig und aufbrausend und körperlich unersättlich", stellt eine Frau auf Männersuche fest, und: "Mit allem, was vier Räder oder einen Schwanz hat, kriegt man Ärger", früher oder später. Der Rodeoreiter nimmt die Härte des Bullen an, auf dem er acht Sekunden sitzen bleiben will. So behandelt er auch die Frauen in den Bars, rücksichtslos, denn es gibt endlosen Nachschub. Was für ihn gilt, scheint für alle Figuren zu gelten: Das Leben "war immer nur ein heisser, schneller Ritt, der immer im Schlamm endete".
Betrogene Helden
Eine junge Rancherstochter, die sich in der Einöde nach Liebe und Vertrautheit sehnt, lässt sich wider besseres Wissen auf Gespräche mit einem alten, verrosteten Traktor ein: "Verrücktwerden war möglich, konnte jedem passieren." So machen denn auch irre Geschichten die Runde: von Menschen fressenden Gäulen und Ochsen, die nach dem Schlachten rotäugig und halb gehäutet aufstehen und Menschen in den Tod treiben.
Was man sich an Gräueltaten vorstellen kann, man findet es in diesen Geschichten, die mit sachlich-kalter Distanz und ohne Scheu protokollartig alles festhalten: Vergewaltigung, Kindsmord, Pädophilie, genitale Verstümmelung, Totschlag.
Proulx beschreibt ein Amerika der Rancher, Cowboys, Bullenreiter und Rodeos, wie man es für längst vergangen und mit den Westernfilmen verstaubt hielt. Erstaunt erfährt man, dass das Leben als Viehzüchter sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hat und immer noch weite Gebiete der USA bestimmt. Dabei sind die Helden der Vergangenheit doppelt betrogen. Sie profitieren kaum von der Modernisierung der Welt, wissen nicht, wie sie sich und ihre Farmen halten sollen. Sie leben in Wohnwagen, während Country-Music-Stars und Milliardäre ihre alten Ranches aufkaufen, um am Wochenende Cowboy zu spielen: "Für fremde Ausländer war der Staat ein 97 000 Quadratmeilen grosses gefundenes Fressen, mitsamt republikanischen Ranchern und landschaftlichen Reizen. Die Rancher wollten nicht einsehen, dass sie ausgespielt hatten. Sie brauchten eine bittere Lektion." Annie Proulx erteilt sie ihnen schreibend.
Was kann uns an dieser Welt, die man lieber der Vergangenheit und dem Vergessen anheim geben würde, interessieren? Es ist Annie Proulx' Erzählen, das die immer eigenwilligen Charaktere und die Ereignisse in dieser Wildnis unsplastisch vor Augenstellt. Ihr Stil ist filmisch, voller starker Bilder, ohne je die Bahnen konventionellen Erzählens zu verlassen.
Wo sie an ihre Fähigkeit zum episch breiten Erzählen anknüpft, entstehen eigentliche Miniromane von einer Dichte, die sich in das Leben und die Breite eines ihrer dickleibigen früheren Bände ausfalten liessen. Sie schreibt so realitätsnah und sinnlich, dass man die Landschaften vor sich sieht, im Schneesturm erstarrt und den Kopf nach dem duftenden Kaffee dreht. Immer wieder fällt man am Ende der Kurzgeschichten brutal aus einer Welt, in der einen die Lektüre gefangen hielt.
Die schönste Geschichte ist "Brokeback Mountain", in der sich zwei Cowboys ineinander verlieben und ebenso vergeblich gegen ihre Leidenschaft wie gegen die gesellschaftlichen Sanktionen einer tabuisierten Beziehung ankämpfen. Hier wird einmal nicht in kühl-distanziertem Ton von aussen geschildert, sondern hier werden Gefühlsströme nacherlebt.
Entlarvung
Manchmal bedingt die Form der Kurzgeschichte allerdings eine Reduktion, die zu weit geht. So meint man in "Lebenslauf" ein Romanexposé vor sich zu haben, in dem über wenige Seiten ein Familienleben Schlag auf Schlag, Satz für Satz abläuft, ohne dass diese anschauliche Nähe sich einstellt.
Proulx gelingt es, mit ihren Geschichten den Volksglauben an den heldenhaften Cowboy, den sie fortschreibt, gleichzeitig zu entlarven. Sie treibt damit einen Ursprungsmythos ad absurdum, der Wyoming und wohl die Vereinigten Staaten insgesamt immer noch fest im Griff hat. Es ist eine ihrer Stärken, so ganz nebenbei die Obsessionen ihrer Landsleute zu benennen und sie mit ihren Geschichten wirkungsvoller in Frage zu stellen, als jede politisch korrekte Thematisierung es könnte.
Tages Anzeiger: http://www.tages-anzeiger.ch/archiv/99november/991123/206295.HTM
ANNIE PROULX: AM RANDE DES ABGRUNDS
Annie Proulx führt ihre Leser durch eine unerbittlich raue Welt/ Von Christian Hoffmann
Schlank, das Haar kurz, Drahtbrillen mit runden Gläsern, schenkt sie der Kamera die Andeutung eines Lächelns. Es fällt schwer, die Verbindung zwischen der beinahe knabenhaft wirkenden Person auf dem Foto und der gefeierten Schriftstellerin im Alter von 65 Jahren herzustellen, die dreifach geschieden ist, Mutter von vier Kindern, ausgebildete Historikerin, erfahren jedoch in anderen Berufen, Kellnerin, Postangestellte oder Verfasserin von Ratgebern über den Bau von Zäunen, Gattern und Feldwegen. Die Schriftstellerei prägte auch nur einen verhältnismäßig kurzen Teil ihres Lebens, da sie bereits 53 Jahre alt war, als ihr erstes literarisches Werk erschien: "Heart Songs", eine Sammlung von Erzählungen, die sie für Fischer- und Jägerzeitungen geschrieben hatte
Wirklich, Annie Edna Proulx ist eine Frau, die in kein Schema passt. 1935 kam sie in Norwich, Connecticut, zur Welt; ihr Vater hatte sich zum Vizepräsidenten einer Textilfirma hochgearbeitet, der Mutter blieb daher Muße, sich der Malerei zu widmen. Die Familie übersiedelte mehrfach im Nordosten der USA, North Carolina, Maine, Rhode Island, und schließlich nach Vermont, wo Annie später, als Erwachsene, einen großen Teil ihres Lebens in dem Dorf Vershire in einem einfachen Holzhaus verbringen sollte.
Über ihre Kindheit und Jugend verrät sie wenig, nur, dass sie, die älteste von fünf Schwestern, sich zeitlebens für "die andere Hälfte der Gleichung" interessiert habe, den männlichen Blick auf die Welt. "Als ich jung war", sagt sie, "unternahmen Frauen keine Schitouren, Kletterpartien oder abenteuerliche Kanufahrten", und erklärt damit auch, warum ein großer Teil ihrer literarischen Helden männlichen Geschlechts sind: "Vielleicht erweckt der erfundene männliche Charakter den Bruder zum Leben, den ich nie gehabt habe."
Lächeln und Schweigen
Das Wort "Held" ist allerdings im Zusammenhang mit den Figuren der Annie Proulx irreführend. Unter ihren Charakteren ist der Journalist Quoyle aus dem Roman "Shipping News" noch der glücklichste. Von ihm, dem fleischgewordenen Kontrapunkt zum "American Way of Life", heißt es gleich auf der ersten Seite des Buchs, dass er seine Kindheit "überlebt" und die Qualen der Ausbildungsjahre "mit Lächeln und Schweigen" überspielt hat. Später meint es das Leben auch nicht übermäßig gut mit ihm. Er hat es gerade zum Reporter einer schäbigen Provinzzeitung und zum chronisch betrogenen Ehemann gebracht, als seine Frau bei einem Autounfall ums Leben kommt, er die Stelle verliert und sich mit zwei kleinen Kindern und ohne regelmäßiges Einkommen irgendwie durchschlagen muss.
Wie die meisten Gestalten der Annie Proulx ist Quoyle ein potentieller Verlierer, der hart zu kämpfen hat, um sich gegen eine Unzahl von Katastrophen zu behaupten.
Gemeinsam mit einer alten Tante bricht er nach Neufundland auf, wo er im Dorf seiner Vorfahren als Journalist bei einem Lokalblatt ein neues Leben sucht. Im Unterschied zu anderen Figuren der unerbittlichen Dame aus Vershire, hat er bei diesem Versuch zumindest teilweise Erfolg. Seine Kolumne über die im Hafen ein- und auslaufenden Schiffe mit dem Titel "Shipping News" kommt an, die Zeitung wird vorerst nicht eingestellt, und am Schluss sieht man Quoyle sogar zusammen mit einer Frau, die ihn vielleicht nicht betrügen oder verlassen wird, eine Wendung, die von vielen als Happyend aufgefasst wurde. Angesprochen auf dieses Missverständnis zeigt die alte Dame jedoch ihr schmales Lächeln: "Das ganze Buch ist so aufgebaut, dass die Abwesenheit von Unglück schon wie strahlendes Glück aussieht."
Im Schatten leben
Trotz seines verhältnismäßig milden Schicksals hat Quoyle mit einem Problem zu kämpfen, das für alle Geschichten der Annie Proulx charakteristisch ist: Die Reise nach Neufundland, dem Land, in dem sein Vater aufwuchs, bedeutet zugleich die Erforschung eines Fluchs, der über der Familie liegt. Figuren, die im Schatten vergangener Gewalttaten leben, heimgesucht von den irrational gewordenen Spätfolgen blutigen Unrechts, stehen auch im Mittelpunkt der anderen Romane und der Erzählungen. "Stone City" zum Beispiel, eine der ersten literarischen Veröffentlichungen der Annie Proulx, kreist um eine verlassene Siedlung in Vermont, deren Bewohner die Umgebung in Angst und Schrecken versetzt hatten und schließlich von einer empörten Masse gelyncht wurden, und deren Nachfahren immer noch in hartnäckiger, wortloser Zwietracht mit ihrer Umgebung leben. "Post Cards", der erste Roman, beschreibt die Flucht eines Mörders, der nirgendwo Ruhe finden kann, so weit er sich auch von der Tristesse des heimischen Bauernhofs entfernt. "Accordion Crimes", der Roman, von dem die "Toronto Sun" vermutet, es handle sich um das "düsterste Buch aller Zeiten", ist die Geschichte eines Akkordeons, das Einwanderer aus Sizilien in die USA mitbringen, und das als Zeuge der nicht enden wollenden Grausamkeiten des Einwandererlebens selbst den Fluch verkörpert, der die ins gelobte Land Ausgewanderten über Generationen verfolgt.
Indes begründet sich der Erfolg der alten Dame selbstverständlich nicht auf der Anhäufung von Katastrophen, die in manchen Fällen sogar gekünstelt wirkt und ihr bei ihren Lesern nicht immer Sympathien einträgt. Ihre eigentliche Kunst besteht darin, durch Weglassen, Abbrechen, knappe Beschreibungen und die raffinierte Verwendung lokaler Idiome, eine eigentümliche Atmosphäre zu schaffen, eine Atmosphäre von Bedrohung und Gefahr, in der der Leser unwillkürlich Anteil am Überlebenskampf der Akteure nimmt und deren Qualen existentielle Metaphern werden. "Close Range", eine zweite Sammlung von Erzählungen, erschienen 1999, ist der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung.
Die in dem Band versammelten Geschichten, die im Original längst nicht mehr in Jägerzeitungen sondern in den renommiertesten Blättern der USA wie "The New Yorker" oder "The Atlanic" erscheinen, erzählen vom Leben in den Prärielandschaften Wyomings am Fuß der Rocky Mountains, wohin die Autorin Mitte der neunziger Jahren übersiedelt ist. Milder ist ihr Ton dabei nicht geworden. Mit lautem Krachen brechen die Knochen des Rodeoreiters, die rasierklingenscharfen Krallen des Emus schlitzen den Bauch ihres Betreuers im Tierpark auf, auf dem Dachboden werden Frauenleichen verstaut ("Wer so weit draußen wohnt, hat seine eigene Vorstellung von Spaß").
Mit dem Reifeneisen
Warum Annie Proulx von vielen Kritikern zu den bedeutenden Figuren der amerikanischen Gegenwartsliteratur gezählt wird, kann "Brokeback Mountains" veranschaulichen, der Schlussakkord zu "Close Range". Es handelt sich um die Romanze von Ennis und Jack, zwei schwulen Cowboys, genauer gesagt zwei Schafhirten, die als Jugendliche gemeinsam ihren ersten Sommer in den Bergen verbringen. Zwischen den beiden entspinnt sich dort eine erotische Beziehung, die zur Leidenschaft ihres Lebens werden soll.
Mit knappen Pinselstrichen tupft Annie Proulx Szene um Szene aus den darauffolgenden Jahrzehnten hin, wie die beiden Männer, die von einander loszukommen versuchen, Frauen kennen lernen, mit ihnen im Bett landen, Familienväter werden und dennoch immer wieder zueinander zurückkehren. Man sieht sie vor sich, die Gesichter der unzufriedenen Ehefrauen, die das Spiel bald leid sind, mit wachsender Erbitterung auf die Rückkehr ihrer Männer von den als Jagdausflügen getarnten erotischen Touren erwarten.
Pech für Travolta
Wie ein Leitmotiv färbt außerdem eine Episode aus Ennis' Kindheit das Geschehen, die Erinnerung an den Leichnam eines Homosexuellen, den ihm als Neunjährigem sein Vater gezeigt hat, mit dem Reifeneisen aufgespießt, den Penis abgerissen, das Gesicht zerquetscht. "And I don't want a be dead", stöhnt Ennis, um doch wieder zum nächsten Treffen mit dem Geliebten aufzubrechen, von dem er schließlich hört, dass er bei einem Unfall ums Leben gekommen sein soll, als er gerade beschäftigte war, auf einer entlegenen Landstraße einen Reifen seines Wagens zu wechseln.
Nach dieser jähen Rückkehr der Erzählung zu den symbolischen Autoreifen nimmt der Leser die Geschichte von Unfall ebenso so skeptisch auf wie Ennis, durch dessen Träume Jack den Rest seines Lebens spuken wird.
Ja, die Geschichten der alten Dame aus der Prärie widersetzen sich aller Lieblichkeit. Sogar John Travolta kann ein Lied davon singen. Als 1994 mit dem Pulitzer Preis die Begeisterung um Annie Proulx ihren ersten Höhepunkt erreichte, nahm er sich vor, Quoyle aus dem Erfolgsroman "Shipping News" in einem an Originalschauplätzen gedrehten Film zu spielen.
Nach zwei Jahren der Vorarbeiten gaben die Produktionsfirma Columbia und John Travolta das Projekt auf. Man habe sich nicht über das Skript einigen können, hieß es in einer lakonischen offiziellen Mitteilung. Im Drehbuch von Laura Jones, die immerhin Filme wie "Portrait of a Lady" nach Henry James geschrieben hat, war die Art von Sentimentalität, die in Hollywood geschätzt wird, auch nach langem Kampf nicht unterzubringen. Vielleicht kommt daher das schmale, ein wenig verlegene Lächeln der Frau auf den Fotos: Die rauen, bitteren Wahrheiten ihrer Bücher stehen mit dem Gewicht von Felsen da und lassen sich nicht um einer Idylle willen wegzaubern, nicht einmal mit den geballten Mitteln der Filmindustrie.
Folgerichtig kümmert sich Annie Proulx nicht im geringsten um das weitere Schicksals des Films, selbst wenn inzwischen Kevin Spacey, ausgezeichnet mit einem Oscar für die Hauptrolle in "American Beauty", als Quoyle einspringen will. Auch mit den immer näher rückenden Dreharbeiten zu "Brokeback Mountain" befasst sie sich nicht, sondern durchquert statt dessen mit ihrem Truck die Weiten von Oklahoma, um für ein neues Buch zu recherchieren. "Meine Sache ist es, Nebenstraßen zu durchstreifen", sagt sie. "Ich verspüre immer diese verrückte Freude, wenn ich in den Wagen steige, alles hinein werfe und losfahre." Auf Flohmärkten, in Bars und Coffeeshops, in "Warteräumen, Telefonzellen, auf Felsen, ausgestreckt im Rasen" findet sie ihre Inspiration.
Romane und Erzählungen von Annie Proulx:
http://www.wienerzeitung.at/frameless/lexikon.htm?ID=8536
"WEIT DRAUSSEN. GESCHICHTEN AUS WYOMING" - Ein neues Buch der amerikanischen Bestsellerautorin Annie Proulx
Sie ist eine Spätberufene, die amerikanische Erfolgsautorin Annie Proulx. 1988, da war sie bereits 53 Jahre alt, veröffentlichte sie ihr erstes Buch mit Kurzgeschichten "Heart Songs and Other Stories". Schon damals fielen ihre außergewöhnliche Beobachtungsgabe und Sprachgewalt auf. Danach ging es dann Schlag auf Schlag. 1992 folgte der Roman "Postcards", für den sie als erste Frau den "PEN/Faulkner Award" erhielt. Ein Jahr später kam ihr Neufundland-Roman "Shipping News" ("Schiffsmeldungen", 1995) auf den Markt, der monatelang auf den US-Bestsellerlisten stand, alle wichtigen amerikanischen Literaturpreise gewann und auch in Deutschland begeisterte Leser fand. 1996 schließlich erschien ihr dritter Roman "Accordion Crimes" ("Das grüne Akkordeon", 1997).
Mit Close Range. Wyoming Stories ist Annie Proulx jetzt zur Kurzform der Erzählung zurückgekehrt. Eine Herausforderung, wie sie fand.
Annie Proulx:
"Es ist viel interessanter, Kurzgeschichten zu schreiben als Romane. Man kann sie in sechs Wochen oder zwei Monaten schreiben, und dennoch ist es möglich, in ihnen komplexe Probleme in Angriff zu nehmen. Manchmal kann man darin sogar sehr umfangreiche Themen unterbringen. Die Herausforderungen sind dabei allerdings größer, weil jedes einzelne Wort stimmen und auch die Interpunktion sitzen muß. Man kann es sich nicht erlauben, rührselig zu werden oder sich im Detail zu verlieren." Anfang August erscheint das Buch, von dem das Times Literary Supplement schrieb, es sei "die Krönung ihrer Werke", unter dem Titel "Weit draussen. Geschichten aus Wyoming" auch in deutscher Sprache.
Das Buch
In ihrem Erzählband porträtiert Annie Proulx ihre Wahlheimat Wyoming. Ein schroffes, unwirtliches Land mit extremen klimatischen Bedingungen im Mittleren Westen der USA, wo die Schriftstellerin seit 1995 lebt und mit dem sie eine besondere Beziehung verbindet.
Annie Proulx:
"Ich habe Wyoming schon immer gemocht. Alles, was ich geschrieben habe, habe ich in Wyoming geschrieben. Für mich ist es ein gutes Gefühl, viel Raum um mich zu haben. Es ist ein natürliches Gefühl, es ist so, wie die Dinge sein sollten. Es macht mich verrückt, eingeengt zu sein, in einer Stadt zu leben."
In elf Geschichten über Viehtreiber und Rodeoreiter, Touristenführerinnen und Barfrauen, über unerfüllte Sehnsüchte und irregeleitete Liebe hat sie alte Legenden und moderne Lebensläufe miteinander verwoben.
Annie Proulx:
"Jede dieser Geschichten beinhaltet ein phantastisches Element. Manche haben ihren Ursprung in den Märchen der Gebrüder Grimm, andere beziehen sich auf Legenden oder Ereignisse hier aus der Gegend."
Die Geschichte Der halbgehäutete Ochse nahm John Updike in die Anthologie "The Best American Short Stories" auf, die Erzählung Brokeback Mountain wird von Gus van Sant, dem Regisseur von "Good Will Hunting", "To die for" und "Psycho", verfilmt.
Erscheinungstermin: 2. August 1999
Die Autorin
Edna Annie Proulx wurde 1935 in Connecticut als älteste von fünf Schwestern geboren. Von der Mutter, einer Malerin, erbte sie den wachen Blick für die Natur. Mehr als 30 Jahre lang lebte sie in Vermont, bevor sie vor vier Jahren nach Wyoming zog.
Ein Geschichtsstudium brach Annie Proulx ab. Sie arbeitete als Kellnerin und Postangestellte, später als freie Journalistin für Zeitschriften und Magazine. Daneben veröffentlichte sie Sachbücher zu Themen wie "Selbstgekelterter Apfelwein" oder "Kochen mit Molkereiprodukten". Erst der große Erfolg ihres Romans Schiffsmeldungen, für den sie u.a. mit dem "National Book Award" und dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, machte sie finanziell unabhängig, so daß sie sich inzwischen ganz dem Schreiben widmen kann.
Annie Proulx war dreimal verheiratet und hat drei Söhne.
Bücher von Annie Proulx
Kulturweltspiegel (http://www.wdr.de/tv/kulturweltspiegel/19990718/5.html)
T. C. BOYLE
MIT STIEFELN, KÜBELN, WINDELN
von Erich Demmer
Kein Strom in Kalifornien, ein Tornado über dem Mississippi, Eiszeit an der US-Ostküste - das ist das biedere Jahr 2001. 25 Jahre später ist die prognostizierte Klimakatastrophe Realität, und "Ty" Tierwater, Held und Öko-Aktivist in T. C. Boyles utopischer Satire "Ein Freund der Erde", hat sie nicht verhindern können.
Es gibt dankbarere Rollen als die der Kassandra. Der vom Gefühl, recht behalten zu haben, zum Triumphgrinsen verzogene Mundwinkel schmerzt vielmehr, wenn das eingetreten ist, wovor man gewarnt hat. Vor allem, wenn der Zustand der Welt, wir schreiben das Jahr 2025, der Kataklysmus ist, genau zwischen Katastrophe und Apokalypse. Wasserströme prasseln mit Orkanbegleitung monatelang nieder und werden von sengenden Hitzeperioden abgelöst, aber nicht auf entfernten tropischen Eilanden, sondern im einst sonnig-milden Kalifornien, wo inzwischen 60 Millionen der elfeinhalb Milliarden Menschen wohnen. Staaten mit einst üppiger Vegetation wie Brasilien oder Neuseeland sind Wüstenterritorien geworden; daß viele Tier- und Pflanzenarten über den Jordan gegangen sind, muß nicht extra erwähnt werden. Das Leben war schon einmal leichter und schöner.
Tyrone O'Shaughnessy Tierwater ("Jüdische Schuldgefühle, katholische Schuldgefühle, umwelt-öko-antikapitalistische Schuldgefühle: ich kann nicht mal in Frieden einen fahren lassen"), Ich-Erzähler und Held in T. C. Boyles utopischer Satire "Ein Freund der Erde", hat es ja gleich gewußt. Das heißt, nicht gleich: 39 Jahre führte er an der Ostküste ein biederes Spießerleben der liberalen Art und kümmerte sich ohne rechte Begeisterung um das Erbe, das ihm die von einem Baukran erschlagenen Eltern hinterlassen hatten (ein langsam zerbröselndes, einst vom Vater erbautes Einkaufszentrum), sowie voll Engagement um die Erziehung seiner Tochter Sierra (die geliebte Ehefrau war an einem Bienenstich gestorben). Besondere Vorkommnisse: keine.
Aber 1989 erhält er eher durch Zufall eine Einladung zum Treffen einer Umweltschutzgruppe, und weil die Zeit totgeschlagen sein will, macht er sich auf den Weg. Eine Autofahrt mit Folgen: Dort sieht er mitten in einer Menschentraube Andrea Knowles Cotton, eloquente Frontfrau der radikalen Öko-Bewegung "Freunde der Erde" (E. F.!). Andrea, so schön und so sexy, wird rasch Mrs. Tierwater. Der Weg steil nach unten kann beginnen. Er wird fast vier Jahrzehnte dauern.
Im November 2025 brechen die alten Wunden wieder auf. Tierwater, von allen Ty gerufen, arbeitet als rüstiger 75jähriger auf der Tierfarm eines exzentrischen Pop-Megastars (Sting und Michael Jackson lassen schön grüßen) und betreut Tiere (vom Aussterben bedroht und so häßlich, daß sie "nur von der eigenen Mutter geliebt werden"), als ihn ein Anruf erreicht: Andrea, von der er schon lange geschieden ist, kündigt ihr Kommen an. Hat er nicht schon genug Probleme? Jetzt, wo gerade der Patagonische Fuchs aus der Privatmenagerie ausgebüxt ist, um ein Blutbad an den Hauskatzen der nahen Reichensiedlung anzurichten? Andererseits Andrea - da läuft ihm nicht nur das Wasser im Mund zusammen. Noch weiß er ja nicht, daß eine weitere Öko-Aktivistin eintreffen soll, die eine Biographie seiner Tochter schreiben und ihn dazu befragen will. Also wirft er sich in Schale und feiert Wiedersehen mit der Ex, mag es draußen auch Schusterbuben regnen und der Orkan letzte Bäume entwurzeln: Ty hat zwar eine Glatze, aber im Kopf spuken noch immer die sinnstiftenden Refrainzeilen aus dem Musical "Hair".
Und plötzlich ist alles wieder da. Alles - das ist der langsame Abstieg eines Mittelstandsexemplars über Aufmüpfigkeiten, Widerstandsaktionen und Gefängnisaufenthalte in eine Rand- und Nischenexistenz. Wäre da nicht in einem apokryphen Herzwinkel die Liebe, die alles überstrahlende Liebe zu Andrea, die ihm das alles eingebrockt hat, auch Ty würde von einem total verpfuschten Leben sprechen.
Begonnen hatte es wie immer harmlos. Mit dem Gedanken, daß die Welt der Rettung bedarf, hatte ihn schon seine pubertierende Tochter Sierra vertraut gemacht. Die Ausführungsbe- stimmungen dazu lieferte nun die frisch angetraute Ehefrau: Teilnahme an E.-F.!-Protestaktionen, Demonstrationen, kleinere Sabotageakte zu Lasten umweltschädigender Konzerne. Daß der frühere Kampfgefährte Teo (braungebrannter Surfertyp) immer an Andreas Seite war, störte Ty noch nicht. Dumm nur: Während Andrea (samt Teo) den Wandel von E. F.! zu einer stromlinienförmigen Protestfirma in der Hierarchie aufsteigend begleitete, verzettelte sich Ty in individualanarchistischen Privataktionen und versank im Treibsand der Radikalisierung. Es erging ihm wie Mitgliedern der österreichischen Bundesregierung: Erst hatte er kein Glück, und dann kam noch Pech dazu.
Wie bei der ersten Aktion, zu der er auf Anraten Andreas wider besseres Wissen die Tochter mitnahm. Da hoben sie zu viert (Teo immer dabei) quer über eine Waldstraße im benachbarten Oregon (Ty war Andrea von der Ostküste nach Kalifornien gefolgt) einen Graben aus, um sich in diesem, bewaffnet mit Stiefeln, Plastikkübeln zum Sitzen und Windeln einzubetonieren - mal schauen, ob sich die LKWs, die gefällte Bäume abtransportieren sollen, trauen, über sie hinwegzufahren. Als nach vielen Stunden endlich rüde Holzfällertypen und behördliche Organe auftauchten, ließ sich Ty zum Schutz der Tochter auf eine Rempelei ein. Das Ergebnis: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Anstiftung einer Minderjährigen zu Gesetzesbruch, Störung der öffentlichen Ordnung.
Zwar kam Ty gegen Kaution frei, aber Sierra ins Kinderschutzprogramm und dann zu einer Bauernfamilie. Bald erreichten Ty schluchzende Briefe der Tochter, in denen sie ihn um Befreiung bat. Welcher Vater kann solchem Flehen widerstehen, auch wenn wachsendes Kerbholz nicht direkter Teil des Baumschutzprogramms ist? Ty nicht, er erlöste sein eigen Fleisch und Blut mit einer weiteren Gesetzesverletzung.
Nun blieb nur eines: der Weg in den Untergrund, wenn das Wort erlaubt ist für eine entlegene Berghütte in der Sierra Nevada, wo sie selbdritt unter falschem Namen lebten (Teo schaute manchmal vorbei). Rückblickend war diese rurale Idylle wohl Tys schönste Zeit, er genoß jeden morgendlichen Tautropfen, Häher und Ringdrosseln sangen ihm Lieder, und auf daß er als Naturaktivist nicht verroste, unternahm er nächtens maschinenstürmerische Geheimausflüge mit beträchtlichem Sachschaden. Allein - Andrea und Sierra wurde das Leben als Landei langweilig, die Bewegung forderte zudem Märtyrer zwecks Vermehrung der Spendenfreudigkeit, und so ließ sich Ty zu einer PR-Aktion überreden: In voller John-Yoko-Nacktheit (das war das einzige Paradiesische) lebte er mit Andrea einen Monat in der Wildnis, und als er halbverhungert und insektenzerstochen wieder auftauchte, klickten die Handschellen: Gefängnis. Groß aber war der PR-Erfolg in den Medien.
Kurze Zusammenfassung der Abwärtsspirale: nach der Entlassung weitere umweltschützerische Anschläge, erst taktische, dann wirkliche Scheidung von Andrea, Überschreibung seines Rest-Besitzes auf ein geheimes E.-F.!-Konto, immer härtere, immer längere Strafen, schließlich der Tod seiner zu einer verrückten Baumheiligen (sie lebte drei Jahre auf einem Redwood 55 Meter über der Erde) gewordenen Tochter. Ein Glück, daß Tierwater am Schluß als Tierwärter des Rockstars Asyl gefunden hat. Aber auch das ist zu Ende, als dieser im Mai 2026 ausgerechnet von einem seiner Löwen getötet wird: Ty und Andrea werden von den hartherzigen Erben der Tierranch verwiesen (zum Glück hat man im Haus befindliche Devotionalien der Popgeschichte wie eine Locke Kurt Cobains beiseite geschafft und en détail an Fans verkauft).
Aber die Liebe ist eine Himmelsmacht, und für sie ist es nie zu spät. Denn die Hütte in der Sierra Nevada steht noch, wenn auch von den Naturgewalten verwüstet - sogar elektrischer Strom ist vorhanden. Mag es im Freien stürmen oder die Sonne vom Firmamente brennen, sie genießen ihr spätes Glück als seltsame Wiedergänger von Philemon und Baucis (Teo war ja vor Jahren von einem Meteoriten erschlagen worden), sogar ein Mädchen taucht auf, das sie an Sierra erinnert, und wenn sie nicht gestorben sind . . .
T. C. Boyle hat in seinem wunderbaren, bitterbösen Zukunftsmärchen wieder auf die bewährte Hans-im-Glück-Struktur gesetzt: Leicht belemmerter Mann trifft auf irrlichternde starke Frau, alle seine Zukunftsvisionen zerplatzen wie Seifenblasen, und die Gangart des Helden ist das permanente Stolpern. Als soziales Tableau für seine neueste Absteigersatire hat Boyle das Thema Umweltschutz gewählt (die Titelstory aus dem Erzählungsband "Fleischeslust" war wohl eine Vorarbeit), und dabei wühlt er wie gewohnt in den Wunden und Widersprüchen seines pikaresken Helden. Der nicht begriffen hat, daß die von ihm unterstützte Umweltschutzgruppe den von ihr bekämpften Konzernen teilweise zum Verwechseln ähnlich geworden ist, daß "Sesselrevolutionäre" nur mehr in kommerziellen Erfolgskategorien denken, daß zutiefst berechtigte Bewegungen in "Just-for-Show"-Aktivitäten zur Spenden- und Mitgliederkeilerei versanden, daß dabei der naive Idealist in seinem milden Wahn oft in die Terroristenfalle plumpst.
Eigentlich tragisch - und dennoch werden permanent die Lachmuskeln strapaziert, denn Boyle begnügt sich nicht mit dem üblichen satirischen Fallobst, sondern pirscht auf der Suche nach dem Komischen in weit entlegenen Zonen. Wobei er den Vorteil hat, über einen kongenialen Übersetzer zu verfügen. Traumwandlerisch sicher findet Werner Richter für jeden Boyle-Satz die optimale deutsche Formulierung. Wäre T. C. Boyle Ephraim Kishon (zum Glück ist er's nicht), seinen Torberg hätte er gefunden.
T. C. Boyle Ein Freund der Erde
Roman, Aus dem Amerikanischen von Werner Richter, 356 S., geb., S 291, Euro
21,15 (Hanser Verlag, München)
© Die Presse - Spectrum
http://www.diepresse.at/presse.taf?channel=kultur&read=spec&which=M51&detail=731017&tmp=47695&be=M51
TOM WOLFE
WOLFE UND DAS VERSCHWINDEN DER SCHULE
Tom Wolfe langt wieder kräftig zu. Zwei Jahre nach seinem Roman «Ein ganzer Kerl», elf nach dessen Vorgänger «Fegefeuer der Eitelkeiten» streift er in «Hooking up. Neuigkeiten aus dem Weltdorf» (Blessing, 347 Seiten, Fr. 44) nun durch ein amerikanisches Jahrhundert. Freud, liest man, dient nicht mehr, stattdessen wirken Antidepressiva; Marx' Lehre brach längst vor 1989 in sich zusammen. Wie in ein «intellektuelles Vakuum» drängten nun die Neurowissenschaft und der Glaube an die Allmacht der Gene. Derweil die so genannten Intellektuellen vor allem «Verachtung» verbreiteten und gelegentlich etwas «Rokoko-Marxismus».
Was zwischen Jungs und Mädchen abgeht, die Anfänge von Silicon Valley, Aufstieg des «Brain Imaging», das Verschwinden der Seele: Dazu legt der prominente Verfechter des «New Journalism» nun schillernde Essays vor. Mal schmettert er ironisch, mal spuckt er Galle, meistens glüht er patriotisch. Und kontert den drei Schriftsteller-Kollegen, die seinen «ganzen Kerl» scharf kritisierten: John Updike («Unterhaltung, aber keine Literatur»), Norman Mailer (Journalist Wolfe wohne im «King-Kong-Königreich der Mega-Besteller») und John Irving («Gequassel»).
Copyright © 1996-2001 Tamedia AG
17:17 Uhr | Samstag, 10. März 2001
ICH BIN REALIST, KEIN ZYNIKER
Schriftsteller Tom Wolfe über das Altern, Fellatio in Schulen und hämische Konkurrenz (VON CHRISTIANE KORFF)
Sonntagszeitung: Nach Erscheinen
Ihres letzten Romans, «Ein ganzer Kerl», tobte ein heftiger Kampf zwischen
Ihnen und John Irving, Norman Mailer und John Updike. Hat Sie die Kritik persönlich
getroffen?
Tom Wolfe: Warum wohl
haben meine «drei Stichwortgeber» so wütend reagiert? Wahrscheinlich hat es
sie getroffen, dass ich mit einem realistischen Roman, einer Gattung, die sie für
tot erklären, einen riesigen Kritiker- und Auflagenerfolg hatte. Während ich
auf der Titelseite des «Time Magazine» stand und die Verkaufszahlen in die Höhe
schossen, gingen Updikes, Mailers und Irvings Romane unter.
Sie behaupten auch, Irving sähe
es gern, dass man ihn mit Charles Dickens vergleicht, und müsse nun erleben,
dass Sie mit dem englischen Klassiker verglichen werden. Irving wiederum hält
Ihnen vor, Sie seien eifersüchtig. Sie hegten das geheime Verlangen, seinen
Oscar - für den Film «The Cider House Rules» - zu liebkosen.
Wolfe: Die grosse
Aufmerksamkeit, die John Irving seinem Oscar schenkt, bedeutet vielleicht, dass
seine wahre Begabung darin liegt, aus Romanen Drehbücher zu fertigen.
Ist Ihre Art von Schlagabtausch
unterhalb der Gürtellinie eine neue Mode in der amerikanischen Literaturkritik,
um die Auflage Ihrer Bücher zu steigern? Oder sind Sie einfach nur der
verbitterte, alte Zyniker?
Wolfe: Ich bin kein
Zyniker, sondern Realist. Ich war allerdings sehr verwundert, dass die anderen
drei Männer in ihrem Alter enorme Zeit damit verschwenden, so viel hämische
Kritik über mich abzulassen. Drei prominente Schriftsteller belegen einen neuen
Roman mit ihrem Bannfluch - etwas entfernt Vergleichbares hat es noch nicht
gegeben.
In «Hooking Up» gehen Sie aber
auch nicht gerade zimperlich mit Ihren Kollegen um. Hassen Sie Intellektuelle?
Wolfe: Ich finde dieses
neue Geschöpf des 20. Jahrhunderts eher amüsant. Es stellt seine Empörung über
die Bourgeoisie zur Schau, um damit vor aller Welt seine moralische Überlegenheit
zu beweisen. 1989 erlebten unsere amerikanischen Intellektuellen ein richtig
schreckliches Jahr. Am 9. November fiel die Berliner Mauer, die Sowjetunion
brach zusammen, und ihr osteuropäisches Reich zerfiel. Es war ziemlich grässlich,
denn in der Folge wurde es schwierig, seinen Zynismus, seine Verachtung für die
mächtigste, beliebteste Nation aller Zeiten in marxistischen Begriffen auszudrücken.
Die Vereinigten Staaten sind nach
Ihrer Meinung «der mächtigste Staat der Welt, so allmächtig wie Rom unter Cäsar».
Alle Reiche, so lehrt die Geschichte, haben irgendwann ihren Zenit überschritten
und sind untergegangen.
Wolfe: Das Römische
Reich war so gross, dass es seine Grenzen nicht kontrollieren konnte. In unserer
Zeit gibt es keine Barbaren, die Amerika bedrohen.
Amerikanische Sicherheitsexperten
befürchten, dass ein starkes Europa mit Russland kooperieren könnte und damit
das bestehende transatlantische Verteidigungsbündnis gefährdet sei.
Wolfe: Ich fürchte die
Russen nicht. Ihr Land ist in keiner guten Verfassung.
Mächtige Reiche gingen auch auf
Grund ihrer Dekadenz unter. In «Hooking Up» beschreiben Sie die sexuelle
Revolution als eine Spielart von Dekadenz: Sie habe dazu geführt, dass jeder
Zeitungskiosk «eine Orgie aus nacktem Fleisch, feuchten Spalten und steif
gewordenen Nippeln» sei. Graust Ihnen vor dieser Entwicklung?
Wolfe: Das berühmteste
Beispiel für den Wertewandel ist Präsident Clinton, der Monica Lewinsky zur
Fellatio in sein Büro im Weissen Haus hat kommen lassen. Unterdessen haben
amerikanische Highschools ein neues Problem mit der Schuldisziplin. In den
zweiminütigen Pausen zwischen zwei Unterrichtsstunden gehen 13- bis 14-jährige
Mädchen auf die Knie, um Jungen mit dem Mund zu befriedigen.
Beunruhigt Sie der zunehmende
Wertezerfall?
Wolfe: Ich mache mir
keine Sorgen. Schauen Sie sich die Geschichte an: Das englische
Regency-Zeitalter am Anfang des 19. Jahrhunderts war eine sehr freizügige
Periode, das darauf folgende Viktorianische Zeitalter hingegen verfocht eine
rigide Moralität.
Die englische Kultfigur des
Feminismus, Doris Lessing, sagt, Amerikaner machten zu viel Wirbel um Sex.
Wolfe: Das Gegenteil ist
der Fall. Sexuelle Freizügigkeit wird in Amerika keineswegs mehr
gesellschaftlich geächtet. Was passiert, wenn ein leitender Angestellter seine
Ehehälfte, mit der er zwei Jahrzehnte lang verheiratet war, in die Wüste
schickt, um sich eine junge Trophäe zu angeln? Wird das neue Paar etwa von der
Gesellschaft gemieden?
Haben Sie als Vater auch mit
sexueller Freizügigkeit zu kämpfen, etwa mit der Zuteilung von Betten in Ihrer
Wohnung, wenn Ihre 20-jährige Tochter und Collegeschülerin Sie am Wochenende
mit Ihrem Freund besucht?
Wolfe: Soweit ich weiss,
habe ich zwei sehr gut erzogene Kinder. Weder meine Tochter noch mein Sohn haben
mich jemals mit diesen Problemen belästigt.
Sie gelten als detailversessener
Rechercheur. Haben Sie für «Hooking Up» Sex im Internet recherchiert?
Wolfe: Nein, die Details
der Internet-Sexsucht sind doch bekannt. Dafür muss ich mir keine
pornografischen Websites anschauen.
Surfen Sie niemals im Internet?
Wolfe: Nie. Ich muss
gestehen, dass ich nicht im Internet recherchiere, weil ich nicht weiss, wie das
funktioniert. Ich fürchte, ich bin ein steinzeitlicher Dinosaurier.
Sie beklagen, dass der «anhaltende
Feminismus» das Sexualleben der Männer einfacher mache. Ist es von Nachteil,
wenn Frauen sexuell so aktiv sind wie Männer?
Wolfe: Das Resultat ist,
dass sich Männer von jeglicher Verantwortung befreit fühlen. Sie drücken sich
davor zu heiraten. Sie laufen davon, wenn ihre Geliebte schwanger wird. Frauen
zahlen einen höheren Preis als Männer.
Sicherlich gehört zu den
zweifelhaften Errungenschaften der Emanzipation, dass die Geliebte nach dem
gemeinsamen Diner die Rechnung mit der eigenen Kreditkarte bezahlen darf ...
Wolfe: (lacht) ... der
Gedanke gefällt mir. Ich wünschte, mir wäre dieser Satz eingefallen.
Die am weitesten verbreitete
Alterskrankheit in der amerikanischen Gesellschaft ist Ihrer Meinung nach nicht
Senilität, sondern Jugendlichkeitswahn. Haben Sie eine Idee, wer einer
zunehmenden Zahl von Frauen eingeredet hat, sie müssten die Figur einer 10-Jährigen
und die Erfahrung einer 50-Jährigen haben?
Wolfe: Das wird uns von
der Werbung aufgeschwatzt. Im Fernsehen werben grauhaarige, jugendlich
aussehende Menschen für Produkte, die uns angeblich jünger machen. Früher
haben alte Leute gebetet: «Bitte, lieber Gott, lass mich nicht arm aussehen.»
Wie kommen Sie mit dem Älterwerden
zurecht?
Wolfe: Ich versuche, mein
Alter zu verleugnen.
Sie kultivieren Ihr Äusseres mit
Ihrem Markenzeichen, dem crèmefarbenen Anzug. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie
bisweilen mit einem Kellner verwechselt werden?
Wolfe: Ich muss damit
leben, dass sich die Mode in unserem Land sehr schnell ändert. Hier auf der
Park Avenue sehen die Türsteher wie hoch dekorierte Generäle aus, und in
vielen Restaurants sind Kellner im Frack besser gekleidet als ihre Kunden.
Wurden Sie in einem Restaurant
jemals darum gebeten, einen Drink zu servieren?
Wolfe: Mir ist es tatsächlich
im Frühstücksraum des Hotels Garden Court im Silicon Valley passiert, dass
mich ein Gast fragte, ob ich einen Tisch für vier Personen hätte. Ich tat ihm
den Gefallen und erkundigte mich beim Oberkellner.
Ihren Körper trainieren Sie
regelmässig im Fitnessclub. Wir nehmen an, dass Sie Ihren Anzug während Ihres
Workouts ausziehen.
Wolfe: Beim Sport muss
ich mich nicht ausstellen. Warum soll ich ungebührliche Aufmerksamkeit auf mich
ziehen, wenn ich auf dem Fahrrad strample, auf dem Laufband renne oder Gewichte
hebe? Ich bin nicht der Star des Fitnessstudios.
Werden Sie dort von Fans erkannt?
Wolfe: Manchmal. Meist
werde ich in Ruhe gelassen.
Niemand bittet Sie um ein
Autogramm?
Wolfe: Ich nehme
vorsichtshalber keine Bücher mit ins Fitnessstudio.
Nach einem Herzinfarkt und
mehreren Bypass-Operationen hatten Sie Depressionen, die sie mit Hilfe eines
Psychiaters bekämpften.
Wolfe: Nach der letzten
Operation war ich zunächst euphorisch. Ich schrieb wie verrückt, eine
Kurzgeschichte und einen Essay. Meine Frau musste mich daran erinnern, dass ich
auch mal schlafen müsste. Auf diese Phase folgte der Zusammenbruch. Ich bekam
Depressionen und liess mich von einem Spezialisten in Baltimore behandeln. Der
war fabelhaft und half mir wieder auf die Beine.
Vergangenen Freitag sind Sie 70
geworden. Denken Sie manchmal an den Tod?
Wolfe: Nein. Wie die
meisten Leute verdränge ich den Gedanken. Es ist schwierig, realistisch über
den Tod nachzudenken, selbst wenn er einem ins Auge blickt.
Glauben Sie an ein Leben oder
eine andere Welt nach dem Tod?
Wolfe: Ich fürchte nein.
Ich würde es gern können, aber ich glaube, dass mit dem Tod unsere Existenz
endet.
Haben Sie Angst vor dem Sterben?
Wolfe: Das würde ja
nichts ändern, denn der Tod ist unvermeidlich.
© Focus http://www.sonntagszeitung.ch/sz/szFeinRubrik.html?ArtId=75521&ausgabeid=1259&rubrikid=116
Montag, 26. Februar 2001 /
10:15:10
70. Geburtstag des US-Autors und Berufsdandy
TOM WOLFE IM FEGEFEUER SEINER EIGENEN EITELKEITENTEN
New York - Tom Wolfe hat den Sprung vom gefeierten Bestsellerautor zum literarischen Popstar geschafft. Am Freitag wird der US-Schriftsteller 70 Jahre alt.
Natürlich denkt man zuerst an den Anzug. Ein massgeschneiderter Dreiteiler, der Farbton zwischen Crème und Pergament, darunter ein blassblau gestreiftes Hemd mit sorgsam gestärktem Kragen, eine schlichte Seidenkrawatte.
Man kann wie Norman Mailer finden, «dass ein Mann dämlich ist, der ständig einen weissen Anzug trägt, besonders in New York». Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe hat über 40 dieser Exemplare im Schrank hängen hat und wirft sich fünf bis sechs Mal am Tag in ein Sauberes.
Seit fast vier Jahrzehnten kultiviert der in Richmond, Virginia, geborene Autor den auffälligen Look eines Südstaaten-Dandys. Und eben diese vier Dekaden hat er in seinen Werken literarisch gefasst: die Ära der Kennedys und den Schick des Radikalen der 60er Jahre in «Unter Strom». Die Egomanie der 70er in «Die Helden der Nation».
Die von Yuppie- und Getto-Kontrasten geprägten 80er Jahre beschrieb er in «Fegefeuer der Eitelkeiten». Und, in seinem bisher letzten Werk, der zwei Pfund schweren und 920 Seiten langen Südstaatensaga «Ein ganzer Kerl», zeigte er ein wüstes, darwinistisches Sittenbild aus den Vereinigten Staaten der Neunziger.
Alles sind Werke, die dem Leser Schlüssellochblicke verschafft haben - in die Vorstandsetagen grosser Konzerne, in die Crackhäuser amerikanischer Slums, in die feinen Villen abgelegter Ehefrauen. Denn Wolfe ist im Grunde immer das geblieben, was er ursprünglich einmal war: ein Journalist, dessen grosse Kunst darin besteht, durch feinste Beobachtungen zu verblüffen und zu verzaubern.
«Manchmal fühle ich mich schon als Romancier», sagt er über sich selbst. «Aber eigentlich denke ich, weiss ich, dass ich ein Reporter bin.» Es war dieser sprachliche Drive, mit dem Tom Wolfe Mitte der 60er Jahre den amerikanischen Journalismus in neue Bahnen lenkte.
Unter dem Titel «Das bonbonfarbene tangerinerot-gespritzte Stromlinienbaby» veröffentlichte er 1965 eine Reportage über die Subkultur junger Autofanatiker im US-Magazin «Esquire» - verrückte 49 Seiten lang, geprägt vom rasanten Tempo der Popmusik, von den schnellen Schnitttechniken neuer Kinofilme. Ein erster Klassiker des «New Journalism». Trotzdem betont Wolfe immer, «eine sehr formelle Person» zu sein: weisse Standarduniform, starres Beharren auf seine uralte, mechanische Schreibmaschine, für die es kaum mehr Farbband und nur noch drei Reparaturgeschäfte in ganz New York City gibt, eine jahrelang wohl überlegte Hochzeit mit Ehefrau Sheila im späten Alter von 48. Kinder habe er eigentlich nie haben wollen, gestand der Schriftsteller dem «New York Times Magazin». Als er dann doch mit 50 eine Tochter bekam, sei er «überrascht gewesen, wie wunderbar es war». Jetzt, da das Grübeln und Zweifeln, die elf unendlich langen Jahre Arbeit an «Ein ganzer Kerl», die 1996 mit einer Herzattacke endeten, vorbei sind, ist Tom Wolfe wieder oben auf.
Als nächstes wolle er «einen Roman über Schule und Erziehung schreiben», verkündete er. Und wird sich selbst abermals im Fegefeuer seiner eigenen Eitelkeiten wiederfinden, erneut «das beste Buch der Welt» schreiben zu wollen - wie er vor «Ein ganzer Kerl» bereits vollmundig versprochen hatte.
URL: http://www.news.ch/detail.asp?ID=35844
TOM WOLFE - A MAN IN FULL
Hamburger Kammerspiele, Oktober´99
Breite Schultern, ein kräftiger Nacken, die Ärmel des Pullis über die Ellenbogen hochgeschoben, die sehnigen goldbraunen Unterarme auf die Oberschenkel gestützt: so wartet einer in der ersten Reihe auf den Auftritt des Autors von "Ein ganzer Kerl". Eine Frau neben ihm, die Beine seitlich übereinander geschlagen, hat ihren Arm auf seinen Rücken gelegt, oberhalb ihrer wulstigen Sportuhr verschwinden ihre Finger in seiner locker sitzenden, perfekten Frisur, kraulen unablässig. Hin und wieder bewegen sich ihre vollen, passend zur Haarfarbe bräunlich geschminkten Lippen; sein Kopf senkt sich, er blickt zu Boden, antwortet mit einer Vierteldrehung des Halses. Die Luft ist schwer von After-Shave, Body Lotions, Parfums, allgemeines Stimmgewirr, man lacht, ist entspannt. Immer wieder kommen Nachzügler, Jackets werden ausgezogen, Haare zurückgestrichen, Röcke glattgezogen. Schließlich tut sich was auf der Bühne, ein großer, etwas düster dreinblickender und gekleideter Mann tritt an den Rand und sagt mit leiser, aber tragender Stimme den Auftritt an, sagt, das er es kaum für möglich gehalten habe, endlich Tom Wolfe in seinem Hause begrüßen zu dürfen. Es ist eine kurze Ansage, zurückhaltend, fast bescheiden, mit untergründig vibrierenden Emotionen.
Und dann kommt er, der Autor, natürlich in weiß, geht direkt durch den aufbrandenden Applaus an den Bühnenrand, wo ein Pult auf ihn wartet, er lächelt, das Publikum klatscht, er hebt die Hand, halb grüßend halb winkend, das Publikum klatscht weiter, Wolfe senkt lächelnd den Kopf, das Publikum klatscht immer noch, Wolfe sagt, wenn das immer so sei in Deutschland, wolle er hier gar nicht mehr weg, das Publikum klatscht lauter, während neben dem Pult an einem kleinen runden Tisch ein jüngerer Mann in einem eleganten dunklen Anzug Platz nimmt, zu Wolfe aufblickt und verhalten, aber mit innigem Lächeln ebenfalls klatscht.
Etwas später, Wolfe hat aus dem bereitstehenden Glas ein Schluck Wasser getrunken, beginnt er mit einer Einführung in die Szene mit dem Workout Department in der Planners Bank. Er flicht kleine Scherze ein, gestikuliert sparsam, legt hin und wieder die Hände locker übereinander, neigt den Kopf, die gelblich blonden Haare fallen ihm in die Stirn. Sein Publikum reagiert sofort, Dankbarkeit, Verständnis, Sympathie schwappt in großen Wellen durch den Saal, es wird viel und laut gelacht, natürlich bereitet Wolfes manchmal etwas altmännerhaft undeutliches Englisch niemandem die geringsten Schwierigkeiten. Alles ist einfach großartig, und mein Gott, ist das nicht irre, wie es da zugeht in der Welt des ganz großen Geldes, wie der Großkopfete ganz klein gemacht wird. Da stört es auch nicht, daß Wolfe sich hin und wieder verhaspelt, daß seine Versuche, die verschiedenen Stimmen und Tonlagen seiner Figuren darzustellen, nicht immer gelingen. Nein, als der Autor mit einer kaum angedeuteten Verbeugung endet, setzt erneut Klatschen ein, warm und begeistert, das minutenlang nicht aufört
Aber Wolfe hat es nun eilig, mit der geöffneten Rechten weist er auf den Jüngeren, tauscht mit ihm die Plätze, setzt sich an den runden Tisch, schlägt die Beine übereinander, tritt sozusagen in den Hintergrund. Jemand kommt von hinten auf die Bühne geeilt, tauscht noch schnell die Gläser zwischen Pult und Tisch, das alles, während der Applaus immer noch rauscht, der Jüngere immer wieder in Richtung des sitzenden Wolfe weist, eine kleine Bemerkung auf deutsch in seine Richtung macht, die Wolfe nicht versteht, und schließlich mit geübter Schauspielerstimme zu lesen beginnt, aus der Szene bei der großen Eröffnung der Wilson Lapeth Ausstellung
Etwas wie Entspannung durchweht den Saal, die klare Artikulation, die sicher gesetzten Pointen im Vortrag und, ja, die doch vertraute Sprache lullen das Publikum nicht ein, man ist immer noch gefesselt, es wird immer noch gelacht, aber es ist etwas einfacher geworden, vorgekaut gewissermaßen, man verlagert öfter mal das Gewicht auf dem nicht wirklich bequemen Gestühl, und irgendwie sehen die Socken, sind das überhaupt Socken, oder nennt man das Gamaschen, sind die eigentlich irgendwie durchbrochen, ein bisschen wie Spitzendeckchen, also man selber würde sowas ja nicht tragen wie der Wolfe da an seinen fast etwas tuntig übereinandergeschlagenen Beinen, und da an seinen Händen die Haut, schon etwas faltig, ob es da Altersflecken hat, aber halt, da ist es zuende, großer Applaus, tolles Buch, finden die anderen auch, man schüttelt noch mal kurz den Kopf, lächelt vielleicht noch mal kurz in sich hinein, lauscht dem Gesprochenen nach, während der Vorleser den Applaus weiterleitet an die richtige Adresse, Ehre wem Ehre gebührt, und schließlich die Bühne nach hinten verläßt.
Jetzt kommt noch das Gespräch, ein dritter Mann kommt an das Tischchen, auch er erhält ein eigenes Glas, auch er ist deutlich jünger als Wolfe, auch er trägt einen dunklen Anzug. Aber sein Gesicht, seine ganze Figur ist rund, also man könnte sagen, schwabbelig, ein bisschen, und er trägt die Haare sehr kurz, eigentlich nicht sehr attraktiv, und er spricht irgendwie vorsichtig, sein Englisch klingt so, äh deutsch! Gut, er ist Literaturkritiker, und er stellt Fragen, die gespickt sind mit Zitaten und kleinen Anspielungen, er spielt seinem Gesprächspartner die Bälle zu, er bohrt nicht in dessen Statements herum, und außerdem, möglicherweise ist er eh schwul, was ja nichts macht, schließlich ist er ja Literaturkritiker.
Das Gespräch ist gut, prima,
gute Sachen sagt der Wolfe, über den Kunstmarkt, und über den Kapitalismus,
der nämlich gar kein Ismus ist, sondern einfach etwas, was die Menschen machen,
und das schlechteste System abgesehen von allen anderen, die man ausprobiert
hat. Und die Literatur, zum Beispiel die deutsche, die - und da sucht der Tom
Wolfe, mittlerweile breitbeinig sitzend, die linke Hand auf dem Knie, ein
deutsches Wort, das ihm gestern jemand beigebracht hat - die "Batr.., die
Bidro.., die..", die Betroffenheitsliteratur, fällt jemandem aus dem
Publikum ein, Hälse werden gereckt, Köpfe gedreht, ja, die ist natürlich
Mist. Ein leichter Schatten fällt auf den Glanz des Einverständnisses, als der
Kritiker - schwitzt der eigentlich, müßte er ja, bei dem Gewicht - nach Wolfes
Dialogen fragt, wie er eigentlich die ganzen Stimmen so genau hinkriegt zum
Beispiel bei der Partyszene, und der sagt, da müsse man eben zuhören lernen,
und er habe je angefangen, bei solchen Parties manchmal ganz still zu sein, und
da falle einem dann auf, wieviel und geradezu zwanghaft die Menschen bei solchen
Anlässen lachten. Schließlich stellt der ja doch ganz gute Literaturkritiker
eine wirklich gute Abschlußfrage, eine richtig große Frage, wenn sich nämlich
jetzt und hier, auf dieser Bühne eine gute Fee materialisieren würde, und würde
ihm, dem Tom Wolfe einen Wunsch zu erfüllen versprechen, ob er dann auch, wie
ein anderer wohl berühmter Schriftsteller, sich die Abschaffung des Todes wünschen
täte. Worauf der Wolfe sagt, das sei ja fast schon in Arbeit. und nein, er würde
sich wünschen, daß dieses Zeitalter mit seinem wahnsinnigen - materiellen -
Reichtum nicht aufhörte, weil das die Human Comedy befördere, und die, die
Human Comedy soll ewig weitergehen.
http://www.u-lit.de/artikel/theater.html
DOUGLAS COUPLAND
EINEN STEINWURF VOM WAHNSINN ENTFERNT
Interview. "Generation X"-Autor Douglas Coupland im E-Gespräch über das Tabu der Einsamkeit, greifbar nahen Wahnsinn, den Wunsch nach Neustart und ein Happy End. (Robert Treichler)
profil: In Ihrem neuen Buch
"Miss Wyoming" sagt John, eine der Hauptfiguren, Einsamkeit sei das größte
Tabuthema überhaupt.
Coupland: Es ist auch so.
profil: Müssen wir beide uns einsam fühlen, weil wir gerade im Nur-Text-Modus per E-Mail verkehren?
Coupland: Ach, kommen Sie schon! Sie wissen, dass das nicht wahr ist! Es ist archaisch und selbstbehindernd, E-Mailen als eine isolierende oder einsame Tätigkeit anzusehen.
profil: Ist Einsamkeit das, wovor
wir die größte Angst haben und wofür wir uns am meisten schämen?
Coupland: Endlich eine richtige Frage. Die Antwort lautet: ja. Einsamkeit ist
ein schrecklicher Zustand. Es ist in Nordamerika, dem Land der Cheerleader und
Vertreter, so stigmatisiert, dass jeder Anflug davon soziales Gift bedeutet. Es
ist beschämend. Junge Leute werden nicht einmal so erzogen, dass sie ausdrücken
können, was sie dabei fühlen. Sie glauben, sie seien krank.
profil: Warum ist die Einsamkeit
denn so ein Tabu geworden?
Coupland: Einsamkeit ist für alle Altersstufen und Geschlechter sexuell abstoßend.
Ironischerweise ist nichts attraktiver als eine allein stehende Person, die
niemanden braucht. Denken Sie darüber mal nach!
profil: Mach ich. In "Miss
Wyoming" taucht auch eine Frau namens Vanessa auf, die per Computer alles
über Leute rausfindet. Verstehen Sie die Angst, von irgendwelchen
Organisationen, Firmen datenmäßig erfasst zu werden?
Coupland: Von schrecklich gefährlichen Organisationen wie welcher denn? Shell?
Rhone-Poulenc? Lever?
profil: Oder …
Coupland: Ja und nein. Ich glaube, dass dieses paranoide Denken nur eitel ist.
"Oohhh … ich bin so wichtig, dass die Leute meine Daten durchforsten
wollen!" Nicht sehr wahrscheinlich. Auf der anderen Seite habe ich eine
Web-Seite gefunden, auf der die Herstellung von Nervengas erklärt wird.
profil: Sind viele Leute
heutzutage einfach paranoid?
Coupland: Definieren Sie paranoid. Politisch? Medizinisch? Biosphärisch?
profil: Sich Sorgen zu machen
wegen einer 0,0000001-prozentigen Gefahr, ein Stück einer wahnsinnigen Kuh zu
essen.
Coupland: Sie meinen also biosphärisch. Ich e-maile Ihnen gerade von einem Ort,
der zwölf Meilen von Watkinsville, Georgia, entfernt liegt, wo der erste
BSE-Fall aufgetaucht ist. Die Burger Kings hier sind so voll wie eh und je.
Wissen Sie, vor 50 Jahren wäre man beim Schwimmen hier Gefahr gelaufen, Polio
zu kriegen. Aber ich dachte, das hier wäre ein literarisches Interview?
profil: Nicht ausschließlich.
Wie sehen Sie eigentlich die Rolle, die Sie für Ihre Leser verkörpern? In
TV-Seifenopern, in denen Ihre "Miss Wyoming" mitspielt, verkörpert
sie die kluge Tochter, die in unserer durchgeknallten Welt Sinn und Ordnung
findet. Das ist doch auch Ihr Job, oder?
Coupland: Ich bin nicht sicher, ob ich es so formulieren würde. Ich glaube
daran, dass Leute nach der Lektüre eines Buches ein bisschen verändert sein
sollen. Hoffentlich zum Besseren und mit einer klareren Optik.
profil: Sie geben dem Alltag eine
fast spirituelle Bedeutung. Jemand blickt über eine Stadt und ist überwältigt
davon, dass so etwas von Menschenhand gemacht ist. Ihre Charaktere sind
romantisch, naiv und auf eine seltsame Weise positiv.
Coupland: Ja und nein. Aber ich bin kein Nihilist und kein Pessimist. Die Welt
ist die Welt. Das ist das, was wir haben. Was können wir daraus machen? Was können
wir bauen?
profil: Führen Sie uns eine
Spiritualität vor Augen, die wir irgendwann verloren haben? Ist unser
risikofreier, fettarmer Westen vielleicht gerade ebenso spirituell, wie die Welt
früher einmal war, als große Kriege ausgefochten wurden und Religionen
geherrscht haben?
Coupland: Sie scherzen wohl. Was soll denn früher spiritueller gewesen sein?
Der Zweite Weltkrieg? Das Mittelalter? Arrgh! Sie könnten mir eine Milliarde
Dollar zahlen, und ich würde keine Woche in eine frühere Zeit reisen.
profil: Ist die Spiritualität
Opium für das Volk, das in schrecklicher Banalität lebt?
Coupland: Kein Leben ist banal. Jeder steht am Rand von etwas Tiefem. Immer.
profil: Und Sie? Wo stehen Sie
denn? Sie machen gerade Urlaub in Athens, Georgia, nicht?
Coupland: Ja. Es ist sehr südlich hier und sehr exzentrisch, und jeder scheint
nur einen Steinwurf vom Wahnsinn entfernt. Eine gute Sache.
profil: Reisen Sie je an
Pop-freie Orte? Oder ist Ihnen Amerika seltsam genug?
Coupland: Ich finde es überall seltsam.
profil: In "Miss
Wyoming" machen die Hauptfiguren John und Susan unabhängig voneinander in
ihrem Leben einen totalen Neustart. Ist das etwas, womit Sie sich
identifizieren?
Coupland: Ja, und ich denke, das ist ein verbreitetes Bedürfnis - zumindest
unter den Leuten, die ich kenne. Aber da besteht auch ein Widerspruch, weil ich,
wenn ich mir aussuchen könnte, wer ich sein will, niemanden anderen wählen würde.
Ich bin gern ich, samt Narben und blauen Flecken. Ich schätze, es ist der Fluch
der Modernität, dass jeder dazu verdammt ist, zwischen der Suche nach
Zufriedenheit mit sich selbst und dem Verlangen nach psychischer Veränderung zu
oszillieren.
profil: Sie waren Kunststudent,
bevor Sie zu schreiben begonnen haben. Wo würden Sie heute gern sein, wenn Sie
bei der Kunst geblieben wären?
Coupland: Mir ist die Kunstwelt immer noch unermesslich lieber als die
Literaturwelt. Ich habe mir das Schreiben nicht wirklich ausgesucht. Es hat mich
ausgesucht. Bis zum Alter von 30 war ich völlig naiv gegenüber der Tatsache,
dass Entscheidungen, die ich traf, mein restliches Leben formen würden.
profil: Haben Sie manchmal das
Gefühl, Ihr Leben bestünde aus ständigen Wiederholungen?
Coupland: Nein. Sobald ich eine Art von Schema in meinem Leben verspüre,
durchbreche ich es. Das ist keine Obsession - mehr so was wie Hirn-Yoga.
profil: Und was tun Sie dann?
Erschaffen Sie sich neu?
Coupland: Immer. Es ist ein ständiger Pro-zess. David Bowie vor dem "Let's
Dance"-Album war für mich eine faszinierende Figur, weil er immer neue
Persönlichkeiten manifestierte. Aber ich denke, die Veränderungen spielen sich
bei mir nur im Inneren ab und zeigen sich beim Schreiben und visuellen
Gestalten.
profil: "Miss Wyoming"
ist ein Roman mit einem Happy End …
Coupland: Ist es das? Ich bin da eher unentschieden.
profil: Wussten Sie von Anfang
an, dass es eher gut ausgehen würde?
Coupland: Ich denke, da musste einfach Hoffnung sein.
profil: Glauben Sie, dass Liebe für
John und Susan der Schlüssel zum Glück ist?
Coupland: Nein. Romantik hilft, aber sie ist keineswegs der einzig mögliche
Spielzug.
profil: Die Geschichte hätte
leicht in den Kitsch abgleiten können. Tut sie aber nicht.
Coupland: Danke. Ich halte Kitsch, Camp und Retro allesamt nicht aus. Ich
verstehe die Anziehungskraft nicht, die sie auf Leute haben.
profil: Aber Sie glauben an Liebe
als Happy End?
Coupland: Ja. Nein. Ich glaube, dass es für Leute sehr schwierig ist, sich
miteinander zu verbinden.
http://www.profil.at/export/profil/p_content.php3?&xmlval_ID_KEY[]=0019&xmlval_AUSGABE[]=2001_10&mdoc_id=2095107&content=main
DER X-ORZIST
Mit "Generation X" bescherte Douglas Coupland den 90er Jahren einen Schlüsselbegriff und sich selbst jede Menge Publicity. Jetzt ist er auf der Suche nach Gott. (Sven Gächter)
Irgendwann kommt im Leben eines jeden Menschen der entscheidende Wendepunkt. Der Punkt, an dem man sich fragt, ob das wirklich alles war. Ob es nicht noch etwas anderes gibt als MTV und Tiefkühlpizza, MS-DOS und Gatorade, Sharon Stone, die Pet Shop Boys, "Melrose Place" und Beavis & Butt-head. Man erkennt, daß man auf der Stelle kehrtmachen und alle Energie darauf konzentrieren muß, "diesen Punkt in unserem Innern zu erreichen, der unbefleckt geblieben ist, den zu berühren wir niemals schaffen, von dem wir aber wissen, daß er existiert".
Man steigt in den Wagen, dreht das Radio auf und fährt einfach los, "auf dem Trans-Canada Highway nach Süden", in Richtung Lake Cowichan, endlose Überlandstraßen entlang, "über Kahlschläge, durch uralte Regenwälder, Baumpflanzungen", bis man ein Schild mit der Aufschrift HADDON 1000 sieht.
Das ist das Ziel
Man stellt das Auto ab und stapft mit der Sporttasche unter dem einen, dem Zelt unter dem andern Arm "tief in den grünen Wald" hinein und schlägt schließlich am Fuß einer mächtigen Douglasfichte das Zelt auf. Dann legt man sich auf den Bauch, schaut "hinaus in die dunkle, nasse Welt", raucht eine Zigarette und weiß, "daß dies das Ende einer Seite meines Lebens ist, aber auch ein Beginn; der Beginn eines unbekannten Geheimnisses. Alles, was mir zu tun bleibt, ist zu fragen und zu beten. "
Und am nächsten Morgen, beim Bad in einem klaren, kalten Wasserbecken, materialisiert sich dieses Geheimnis mit der ganzen Wucht einer Offenbarung: "Mein Geheimnis ist, daß ich Gott brauche - daß ich krank bin und allein nicht mehr weiter kann. "
Endstation Sehnsucht
Es hat Douglas Coupland einiges gekostet, um zu diesem Punkt zu kommen: exakt vier Jahre und drei Bücher. Auf der Suche nach dem großen Geheimnis hat er am Ende zwar nicht Gott gefunden, aber immerhin eine ziemlich plastische Vorahnung davon: "heilende Hände É fürsorgliche Hände, formende Hände" und "Lippen, die die Worte sprechen - die Worte, die uns sagen, daß wir heil sind. " Aber hallo!
Im März 1991 veröffentlichte der damals knapp 30jährige Coupland ein kleines Buch mit dem ominösen Titel "Generation X". Es handelte von drei Aussteigern Ende Zwanzig, die sich ins Rentnerparadies Palm Springs abgesetzt hatten, dort denkbar miese Jobs verrichteten und den Rest der Zeit totschlugen, indem sie einander Geschichten erzählten. Bemerkenswert an dem Buch war jedoch nicht die eher konventionelle Rahmenhandlung, sondern ein Glossar, in dem, jeweils am Seitenrand, so merkwürdige Begriffe wie McJobs und Mid-Twenties Breakdown geprägt wurden.
"Generation X" erschien in einer winzigen Erstauflage und fand zunächst kaum Beachtung. Erst als Richard Linklaters Debütfilm "Slacker" in die Szenekinos kam und Nirvana den Triumphzug des Grunge einläuteten, avancierte "Generation X" zu einem der "drei meistmißbrauchten Begriffe der frühen Neunziger" (Coupland).
"Generation X" war genau das, was eine ächzend und ängstlich anrollende Dekade dringend brauchte: ein Schlagwort, das die weithin rezessive Grundstimmung auf den Punkt brachte. Alle waren glücklich: Die Buchhändler hatten ihren neuen Salinger, die Medien ein griffiges Mantra und die PR-Fuzzis einen Universalschlüssel zur heißumworbenen Zielgruppe der 18- bis 34jährigen. Die dachte natürlich nicht daran, sich auf ein so plattes Pauschallabel reduzieren zu lassen, doch sie wurde gar nicht erst gefragt: Es galt einen großen gemeinsamen Nenner zu promoten. Der hatte zwar keine reale Entsprechung, aber in einer virtuellen Gesellschaft sind nicht Realitäten Handelsware, sondern die Begriffe, die man sich davon macht. So setzte das Zauberwörtchen "Gen X" zwei runde Geschäftsjahre lang gigantische Ideen- und Geldströme in Bewegung.
Coupland selbst richtete sich komfortabel im X-Mainstream ein, als "Wunderkind des postmodernen Ennui" ("International Herald Tribune"). Er hatte einen unschätzbaren Coup gelandet: ein Copyright zu begründen, das weitreichende Merchandising-Möglichkeiten eröffnete. Um Literatur ging es dabei nur am Rande. "Generation X" sprengte die Grenzen der Belletristik, wurde von Anfang an zum Pop-Ereignis designt und als solches einem systematischen Hype unterzogen.
Coupland förderte ihn nach Kräften. Er war im Gegensatz zu Kurt Cobain umsichtig - beziehungsweise opportunistisch - genug, sich nicht bei jeder Gelegenheit wütend von dem Megatrend zu distanzieren, als dessen Galionsfigur er gefeiert wurde; anderseits doch smart genug, sich nicht als Hampelmann vereinnahmen zu lassen. Die plumpen Avancen einer Whisky-Firma, für 10. 000 Dollar Gen-X-Strategien auszubrüten, wies er empört zurück, ebenso das ungleich standesgemäßere Angebot, für die Werbekampagne des amerikanischen Bekleidungsgiganten Gap zu posieren. "Es war sehr reizvoll, aber ich lehnte höflich ab. " Und posierte statt dessen bereitwillig für die trendsettenden Magazine der nördlichen Hemisphäre, nicht ohne in begleitenden Interviews zu betonen, wie müßig es sei, eine Generation auf eine Chiffre zu reduzieren, womit Coupland einerseits den X-Faktor im aktiven Wortschatz hielt, anderseits die Aufmerksamkeit gezielt auf sich selbst umlenkte.
Douglas Coupland hat die Basislektion des postmodernen Kunstbetriebs verinnerlicht: Promote yourself! Dazu gehört, die Zeichen der Zeit umsichtig zu deuten. So trug Coupland im amerikanischen Lifestyle-Magazin "Details" den X-Mythos kürzlich in einem flammenden Ex cathedra zu Grabe. "Hiermit erkläre ich, daß X vorbei ist. Ich möchte ein Moratorium über das ganze Gerede verhängen, denn die Vorstellung, daß eine andere Generation - X, Y, K, was auch immer - existiere, ist nicht länger haltbar. " Marketing-Leute und Journalisten, so Coupland, hätten nie verstanden, daß X kein biologisches Alter bezeichne, sondern eine Art, die Welt zu betrachten. "Das Gute an der X-Sensibilität ist, daß sie dem Medienspiel immer ein paar Schritte voraus ist. "
Aber bloß nicht zu viele - auch das hat Coupland als geborener Xer sofort begriffen. Er schreibt für so profilierte Leitorgane wie die "New York Times", "The New Republic" und "Wired", referiert auf Workshops und Zukunftssymposien, unternimmt gutbesuchte Lesereisen, betreut handverlesene Magazinjournalisten aus Japan, Italien und Deutschland und findet dabei erstaunlicherweise Zeit, jedes Jahr ein Buch zu schreiben.
1993 erschien "Shampoo Planet", das der Kontinuität halber den jüngeren Bruder eines der Protagonisten aus "Generation X" zum Protagonisten erkor. Die Medien griffen den Ball dankbar auf und warteten prompt mit einem neuen Label auf: "Generation Y". Das fuchste Coupland weniger als die schwerwiegenden Vorbehalte der seriösen Literaturkritik, die den Fehler beging, Coupland als Schriftsteller ernst zu nehmen und seine Prosa als oberflächlich und klischiert zu entlarven.
Ein krasses Mißverständnis
So müßig es scheint, MTV-Clips einem cineastischen Werteraster zu unterwerfen, das man aus 100 Jahren Kino destilliert hat, so inadäquat ist es, Coupland an herkömmlichen literarischen Kriterien zu messen. Coupland ist kein Autor im traditionellen Sinn, er ist ein gewitzter Selbstdarsteller, der eine neuralgische Schnittstelle zwischen Literatur und Pop besetzt hat. Sein Primärmedium sind nicht Songs, Soaps oder Videos, sondern Bücher - allerdings so aufbereitet, daß sie auch diejenigen verstehen, die ausschließlich mit Songs, Soaps und Videos aufgewachsen sind.
Coupland schreibt mit einer an den Versatzstücken der Popkultur geschulten Sensibilität und nutzt zu Promotion-Zwecken virtuos deren Funktionsmechanismen. Als Post-Baby-Boomer in den siebziger Jahren sozialisiert, jener Schlüsseldekade, in der Middle-class, Suburbia und Trash eine so klebrige wie folgenreiche Symbiose eingingen, schöpft Coupland nicht aus dem klassisch-abendländischen Fundus, sondern systematisch aus dem der postmodernen Alltagskultur: Lego, Mikrowelle, Farbfernsehen, Seifenopern, Barbecues, Shopping Malls, Autobahnen, Vorstadtkinos, PCs.
Das ist der keimfreie und glanzlose Background von Couplands Weltanschauung, darin gründet auch sein formales Selbstverständnis: Couplands Stärke liegt nicht im großen visionären Bogen, sondern im gestochen scharf registrierten Detail. Er versteht es, die Dinge des Lebens mit mikroskopischer Klarheit zu erfassen und in prägnante, griffige Apercus umzusetzen. Ironisch-verspielt wird die Welt auf ihre Klischees zurückgeführt.
Nicht umsonst ist Couplands angestammte Ausdrucksform die Miniatur: winzige, gleichsam in Tablettenportionen dosierte Gemeinplätze, in denen Coupland seine ganze Weisheit konzentriert, im abgeklärten Tonfall der Lakonie immer sanft zwischen Luzidität und Klugscheißerei switchend:
"Ab einem bestimmten Alter empfindet man Aufrichtigkeit nicht mehr als obszön. Es ist, als wäre die Coolness, die unsere Jugend kennzeichnete, selbst ein Retrovirus, der dich nur mit einem Gefühl von Leere zurücklassen kann. Voller Löcher. "
Doch alles, was über die Miniatur hinausgeht, sprengt das Format. Das ist das Aparte und zugleich Zwiespältige an Couplands Prosa: Sie zerfällt, gleich der durchschnittlichen attention span der Generation X, in kleine, handliche Units, die kaum je über sich selbst hinausweisen. Coupland hat einen siebten Sinn für metaphorische Geistesblitze, doch der episch lange Atem ist ihm fremd. Auch "Shampoo Planet", offiziell als Roman deklariert, war letztlich nichts anderes als eine lose Folge von Kurzgeschichten, die demselben Protagonisten zugeschrieben wurden.
In "Life After God", seinem dritten Buch, versucht Coupland gar nicht erst den Anschein von Kohäsion zu erwecken. Wo herkömmliche Belletristik sich mit Absätzen behilft, beginnt Coupland kurzerhand eine neue Seite und schmückt sie mit einer kleinen Bleistiftzeichnung. Das beschert dem Leser neben putzigen Sichtmarken und vielen leeren Zeilen immerhin das Erfolgserlebnis, 357 Seiten locker an einem Abend zu bewältigen.
"Life After God" liest sich als ein großes, unorganisiertes Sammelsurium von Reflexionen und Geschichten: Geschichten von einem Mädchen namens Laurie, das seine Familie terrorisiert, von Patty Hearst schwärmt und eines Tages spurlos verschwindet. Von einem Labrador namens Walter, der vor laufendem Fernseher an gebrochenem Herzen stirbt. Von namenlosen Zeugen, die sich an den Moment ihres Todes erinnern. Und von einem Aussteiger (Coupland? ), der sich eines Tages ins Auto setzt und auf dem Trans-Canada Highway nach Süden fährt, um im Wald sein Zelt aufzuschlagen und Gott zu entdecken.
Eine seltsam schwermütige und zugleich schwerelose Stimmung liegt über dem Buch. Coupland versteckt sich hinter einer Vielzahl von Ich-Erzählern, die letztlich alle eines gemeinsam haben: Sie spüren unter der aseptischen Oberfläche der "X-Sensibilität" eine unendliche Leere, kramen melancholisch in Erinnerungen und versinken am Ende wahlweise in Apathie oder esoterische Verzückung.
Mit 34 scheint Coupland an die Grenzen seiner poetischen Potenz gestoßen zu sein. Das vertraute Format der Miniatur hat er souverän im Griff. Sobald er jedoch den sicheren Boden der wohldosierten Ironie verläßt, driftet er geradewegs ab in Sentimentalität, sinnsucherisches Pathos und spirituellen Kitsch. "Ich frage mich, ob diese Ironie der Preis ist, den wir dafür zahlten, daß wir Gott verloren. "
Auch Couplands deutscher Verlag war offensichtlich ratlos, weshalb man den Originaltitel kurzerhand beibehielt, die Marktchancen jedoch für alle Fälle mit einem griffigen Untertitel absicherte: "Die Geschichten der Generation X". In den USA ist inzwischen bereits Couplands viertes Buch erschienen. Es trägt den Titel "Microserfs" und handelt von Computer-Zombies. Gott kommt nicht darin vor.
"Life After God"
Douglas Coupland.
Aus dem Englischen von Harald Riemann.
Aufbau-Verlag, 357 Seiten, öS 295,-.
DOUGLAS' NEUESTER COUP
Vor zehn Jahren erschien sein Weltbestseller "Generation X", am 29. März ist er mit seinem jüngsten Roman, "Miss Wyoming", im WUK zu Gast: Douglas Coupland.
Eines wird Douglas Coupland wohl nicht mehr los werden: das Etikett "Kultautor". Kein Wunder, schließlich hat der Kanadier vor zehn Jahren mit seinem Erstling "Generation X" einen Roman hingelegt, der das Lebensgefühl der - damals - "Twenty-somethings" exakt auf den Punkt brachte und zum Millionenbestseller wurde. Kaum ein Post-Babyboomer, der sich nicht mit den Antihelden Andy, Dag und Claire identifizieren konnte, jenen Aussteigern in der Wüste von Palm Springs, die die Suche nach dem Yuppie-Glück aufgegeben haben und sich von McJob zu McJob retten. Dazu ein Vokabular, das viele Coupland-Leser mittlerweile verinnerlicht haben: "Veal-fattening pen" etwa, jene Bezeichung für eine "beengte Büroarbeitsstätte, gebaut aus textilverkleideten, zusammensetzbaren Wandelementen [...], benannt nach den winzigen Mastpferchen, die in der Viehzucht für schlachtreife Tiere benutzt werden". Oder der kultige "Mid-twenties breakdown": "Eine Periode geistigen Kollapses im Alter zwischen zwanzig und dreißig, oftmals ausgelöst durch die Unfähigkeit, außerhalb der Uni oder einer durchstrukturierten Umgebung zu funktionieren, gekoppelt an die Erkenntnis des wesentlichen Alleinseins in der Welt."
Doch als Autor von "Generation X" wollte Douglas Coupland, der 1961 auf einem kanadischen NATO-Stützpunkt in Deutschland geboren wurde und seine Kindheit und Jugend in Vancouver verbrachte, nicht stehenbleiben: "Ich spreche für mich, nicht für eine Generation." Wie um dies unter Beweis zu stellen, veröffentlichte der gelernte Bildhauer ein Jahr nach seinem furiosen Debüt ein Buch über die "Erben" der Generation X ("Shampoo Planet"), die "Global teens" der 90er Jahre, denen jeder politische Diskurs fernliegt und die ihr Leben hauptsächlich über Marken definieren.
Den damals immer wieder geäußerten Vorwurf, ein oberflächliches "Name dropping" der Mode- und Konsumwelt zu liefern (Coupland wurde unter anderem mit "American Psycho"-Autor Bret Easton Ellis verglichen), läßt der streitbare 39jährige nicht auf sich sitzen: "Es ist einfach heuchlerisch, wenn man so tut, als würden Marken nicht unser kulturelles Umfeld bestimmen. Ich werde richtig zornig, wenn manche Autoren glauben, sie könnten sich 'verewigen', indem sie Markennamen bewußt nicht nennen. Die Typen in ihren Büchern fahren dann 'eine weiße Limousine'. Fuck you! Sie fahren einen Ford!"
Am Puls seiner Zeit war Coupland auch mit einem weiteren Geniestreich, dem Roman "Microserfs" (zu deutsch: Mikrosklaven), der 1995 erschien: Die Geschichte einiger junger Programmierer, die für ihren "Gott" Bill Gates schuften, bis sie sich von ihrem Peiniger befreien, avancierte ebenfalls zum Kultbuch - diesmal für die "Computer geeks" in Zeiten des aufkommenden WWW.
APOKALYPTISCHE SZENARIEN
Nach "Microserfs" vollzog der Autor thematisch wieder eine Wende: In den vergangenen Jahren beschäftigten ihn apokalyptische Szenarien und Katastrophen ("Girlfriend in a Coma", "Miss Wyoming") gerade rechtzeitig zur Jahrhundertwende, könnten Böswillige ätzen. Im Schlafzimmer von Couplands Haus in Vancouver hängt ein Bild eines 747-Flugzeugabsturzes aus dem Jahr 1975. "Ich sehe dieses Bild als Geburtsszene", so der Sohn eines Jetpiloten. "Die paar Überlebenden des Absturzes sieht man wie in Trance herumirren. Während andere Passagiere verbrannten, waren diese komplett unversehrt, gleichsam wiedergeboren."
Die großen Katastrophen als Katharsis für die moderne Gesellschaft? Coupland als New age-Guru auf der Suche nach dem Sinn des Lebens? "Wohl kaum", weist er schroff ab. "Es sind einfach Bilder, die ich nicht loswerde." Eine Gebrauchsanleitung fürs Leben will Coupland seinen Lesern - egal ob diese Post-Babyboomer, World teens, Geeks oder Apokalypse-Freaks sind - mit Sicherheit nicht mitgeben. Was nicht bedeutet, daß er seinen Einfluß als Autor leugnet. "Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand etwas liest, ohne verändert aus dem Buch herauskommen zu wollen. Denn sonst würde Kunst keinen Sinn machen."
Ob Coupland im Zeitalter des allgegenwärtigen Kommerzes nicht selbst schon zur Marke geworden ist - als Kultautor, der seine Leserschaft regelmäßig bedient? "Das ist Unsinn. Ich bin eine Person, keine Marke", so der 39jährige empört. "Aber in einem einfachem Sinne bedeutet die `Marke 'Coupland' wohl, daß Leute wissen, daß das, was ich schreibe, und wie ich schreibe, jedes Mal neu ist."
Die Suche nach Neuem kennzeichnet auch Couplands privates Leben. Jahrelang hat er in Japan, Europa und Amerika gelebt, ehe er sich Anfang der 90er in seiner Heimatstadt Vancouver niederließ. In letzter Zeit verspürt er wieder kräftig Lust, "abzuhauen": "Ich bin eigentlich immer nahe daran, meine Adidastasche mit Zeug zu packen, mich ins Auto zu setzen und irgendwohin zu fahren. Am liebsten würde ich nach Tokyo, am besten nächstes Jahr."
Bleibt noch die Frage, wie der Autor heute sein Debüt "Generation X", das im Herbst verfilmt werden soll, beurteilt. "Es ist ein Klischee, aber Bücher sind wie Kinder. Ich werde oft gefragt, was ich von dem ganzen Theater um `Generation X' halte. Für mich ist es einfach ein Buch, das ich geschrieben habe, kein Phänomen. Stell' dir vor, dein Kind hat eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewonnen - natürlich ist das toll, aber trotzdem ist es noch immer 'nur' dein Kind."
Douglas Couplands jüngster Roman, "Miss Wyoming", ist ab 16. März auf deutsch im Buchhandel erhältlich (Verlag Hoffmann und Campe, 291,- S). Der Autor wird am 29. März im Wiener WUK aus seinem neuen Buch lesen (Beginn: 21 Uhr).
Die Presse: Schaufenster Nummer 12/16. März 2001
PAUL AUSTER
BABEL ZUM GRUSSE
Buchtrailer für Großstadtmenschen: Paul Austers "Mein New York" Von Dominik Kamalzadeh
Bruchstücke oder auch Erinnerungsfetzen, Fragmente also, die sich nur bedingt zu einem Ganzen fügen, stehen am Beginn des prosaischen Werks des amerikanischen Schriftstellers Paul Auster. In Portrait of an Invisible Man, dem ersten Teil von The Invention of Solitude, sammelt er Spuren der Existenz seines Vaters, fügt sie wie Scherben aneinander, um sich ein Bild zu machen von einem, den er gar nicht kannte.
Mittlerweile ist sein Werk gewachsen, es umfasst etliche Romane, mehrere Kurzgeschichten, Gedichtsammlungen, außerdem hat es sich auf das Kino ausgeweitet. Und es ist eine Stadt, die in all seinen Büchern wiederkehrt, bisweilen wie eine äußere Matrix die narrativen Möglichkeiten mitbestimmt, nicht nur in seinem bekanntesten Roman, der New York Trilogy.
New York. Metropole, Mythos, Moloch. Bei Auster ist die Stadt, in der er lebt, weniger realistischer Schauplatz als imaginäres Bezugsfeld, das ihm die Ideen für seine Geschichten und Figuren zuspielt. Den Anruf, der sich am Anfang von City of Glass zum falschen Empfänger verirrt und die Scharade auslöst, erhielt er zuerst bekanntlich selbst. Die Koinzidenzen, die in seinen Romanen lineare Erzählformen aufsprengen, sind offenbar genauso Ausdruck dieser Großstadterfahrung: John Dos Passos' Manhattan Transfer hat in den 20er-Jahren auf die Wirklichkeit New Yorks mit einem in vielfache episodische Erzählstränge zersplitterten Roman reagiert. Austers Figuren wiederholen diese Erfahrung der Zerstreuung bis zum äußersten Grad der Entwirklichung, greifen gleichwohl immer noch nach Sinn. Quinn, der Detektiv aus City of Glass, interpretiert die Fußmärsche des Verfolgten zuletzt als Schriftzug: The Tower of Babel. Verschwörung oder Chaos? Alles nur eine Frage der Perspektive.
In einem schmalen Band mit dem programmatischen Titel Mein New York hat Thomas Überhoff nunmehr Passagen aus dem Oeuvre Austers zum Topos New York - nicht sonderlich sorgfältig - zusammengestellt. Schon am Cover zeichnet sich die nebelverhangene Silhouette der Metropole ab, erlesene Fotografien von Frieder Blickle, die in ihrer stilisierten Postkartenästhetik kaum mit Austers Stadtbeschreibungen korrespondieren, begleiten dann die Lektüre.
Das Buch gibt sich als aufgemascherltes verlegerisches Überraschungsei aus, in dem sich dann nur Altbekanntes findet. Bereits die Titel der sechs Unterkapitel - Impressionen, Begegnungen, Labyrinth, Fluchtpunkte, Metamorphosen und Babel - sind Allgemeinplätze, die ohne zusätzlichen Kommentar ziemlich lose dastehen: Zwar lassen sich Überschneidungen oder Wiederholungen "entdecken"; sie liefern dem kundigen Leser jedoch eher Eindrücke als Einsichten. Als Einstieg in den Austerschen Kosmos ergibt das Buch vielleicht Sinn, auch wenn die Scherben hier kein rechtes Bild vermitteln. []
Paul Auster, Mein New York. öS
218,-/113 Seiten, Rowohlt 2000
© DER STANDARD, 9./10. Dezember 2000
PAUL AUSTERS NEW YORK
Der Verlag über das Buch:
"New York: eine der großen Metropolen dieser Welt, rastlos, kreativ und unüberschaubar - viel beschriebenes Sinnbild futuristischer Visionen und pulsierender Gegenwart. Der Schriftsteller und Filmemacher Paul Auster, dort aufgewachsen, hat sich von ihr inspirieren lassen wie kaum ein Künstler zuvor. New York ist ein Schlüssel zu seinem Werk und umgekehrt hat er den Schlüssel zur Stadt. Aber es ist nicht der goldene Schlüssel, der im Rathaus auf rotem Samt liegt, sondern ein Dietrich zu den versteckten Gassen, unterirdischen Kavernen und leer stehenden Häusern, die sonst kaum jemand bemerkt.
Nennen wir dieses Terrain Austeralien, eine Unter- und Nebenwelt voll merkwürdiger Figuren und Ereignisse, ein antipodisches Negativ des Glitzers von Times Square und Fifth Avenue, so in der Stadt lokalisiert, wie das Nervensystem den Körper durchzieht. Die Phänomene, die dort wirken, heißen Zufall, Synchronizität und Transformation. Sie grenzen ans Metaphysische und sind doch real. Sie machen das eigentliche Geheimnis der Stadt aus und einen wesentlichen Teil ihrer Faszination."
Nun liegt also die deutsche Übersetzung der zweiten Ausgabe vor. Was ist der Zweck dieses Buches? Paul Auster hat New York bereits mit seiner Trilogie (City of Glass, Ghosts, The Locked Room - deutsch: Stadt aus Glas, Schlagschatten, Hinter verschlossenen Türen) ein Denkmal gesetzt.
»Mein New York« ist eine Sammlung von Textfragmenten aus Austers Romanen, bei der es nicht um die konsistente Entwicklung eines Plots oder einer Figur geht, sondern die einfach die Stadt New York in den Mittelpunkt stellt.
»Es geht um Leben und Sterben und um den Versuch, zu begreifen, was wir hier eigentlich machen« schreibt Auster hierzu im Essayband »Die Kunst des Hungers«.
Dennoch ist nicht restlos klar, ob das ein von Paul Auster selbst so bezweckter Nachtrag zur New York Trilogie ist - quasi ein Geschenk an seine Fans oder an die Fans New Yorks, oder eher ein vom Verlag inszenierter Epilog, der sich im Kielwasser des Erfolgs der Trilogie gut verkaufen soll.
http://www.puffaldt.de/Literat/Books/3498000543.html
ES AUSTERT IN NEW YORK
Mazzuccellis Bilder der Großstadt
Bei Stadt aus Glas handelt es sich um den ersten Teil der New York Trilogie, die hierzulande wie in den Staaten in nicht unwesentlichem Maß für Austers Reputation verantwortlich ist. Um Mißverständnissnen vorzubeugen: es handelt sich bei dieser Trilogie nicht um einen Roman in Fortsetzung sondern um drei Romane, die nur lose miteinander verbunden sind und auch für sich alleine Sinn ergeben. Tatsächlich erschien Stadt aus Glas mitte der Achtziger bei Hoffmann & Campe zunächst separat, noch ehe der letzte Teil der Trilogie im Original vorlag. Diese - wenig bekannte - erste Einführung Austers auf dem deutschen Buchmarkt war allerdings nicht von verkäuferischem Erfolg gekrönt, und so ist es schließlich dem Einsatz des Rowohlt Verlags zu verdanken, daß Paul Auster sich in Deutschland als einer der führenden amerikanischen Autoren etablieren konnte.
Mehrfach angekündigt, erscheint nun ebenfalls bei Rowohlt eine Comic-Adaption von Paul Austers Stadt aus Glas in der Bearbeitung von Paul Karasik und David Mazzucchelli, der auch die graphisch-künstlerische Umsetzung besorgte. Es ist dies Rowohlts erste von mehreren geplanten Übernahmen aus der "Neon Lit"-Serie, die seit 1994 in den USA bei Avon Books unter der Regie von Bob Callahan und Art Spiegelman (Maus) entsteht. Auch nichtcomicinteressierten Auster-Fans dürfte Spiegelman kein unbekannter mehr sein, zeichnete er doch das Titelbild, das sämtliche Ausgaben von Austers bisher letzem Roman Mr. Vertigo ziert.
Das einzige, was man den Machern des Buches wirklich vorwerfen kann, ist, daß Mazzucchellis Name auf dem Einband etwas unterrepräsentiert ist, hat er doch die Hauptarbeit geleistet und zwar ganz vorzüglich. Sowohl die Auswahl der Textpassagen als auch die graphische Umsetzung sind absolut mustergültig. Die Stimmung des Buches ist wirklich hervorragend getroffen mit frappierenden Übergängen von Bild zu Bild und psychedelischen Perspektivspielen, bei denen Gegenstände durch groteske Vergrößerungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden. Besonderes gelungen ist dies nicht zuletzt bei der Erzählung des jungen Peter Stillman, einer Art Kaspar-Hauser-Figur, der von seinem gleichnamigen Vater in einem dunklen Zimmer gehalten und von jeder Form von Sprache ferngehalten wurde - eine Passage, die schon in Austers Vorlage ein schauriges Kabinettstückchen abgab.
Die Schwarz/Weiss-Ästhetik der Comicunmsetzung erinnert einerseits an Franz Masereels Holzschnitte, andererseits an die "Schwarze Serie", die sie, wie Austers Vorlage den Detektivroman, weniger parodiert als vielmehr zur Grundlage nimmt, um sich "existenzielleren" Fragen zu widmen als dem üblichen "Whodunnit", beispielsweise etwa Fragen nach Identität und der (unwirklichen) Wirklichkeit des Lebens in der Großstadt, die gläsern wirkt aber undurchschaubar bleibt.
STADT AUS GLAS ist ein durchweg gelungener Einstand, also, für Neon-Lit, der auch bei weniger Comic-begeisterten Menschen (wie mir zum Beispiel) dabei helfen sollte, Vorurteile abzubauen, die dem Genre noch immer anhaften. Das Buch ist für jeden Auster-Fan, auch künftige und solche, die die Vorlage bereits zur Genüge kennen, vollstens zu empfehlen, denn Mazzucchellis Arbeit ist was sie ist: kongenial. (ah)
Paul Auster, Stadt aus Glas. New
York Trilogie I. Neon Lit. Comic. Hg. Bob Callahan / Art Spiegelman.
Textbearbeitung: Paul Karasik / David Mazzucchelli. Illustration David
Mazzucchelli.
Rowohlt, DM 16,90
http://www.hinternet.de/comic/auster.htm
PAUL AUSTER IN CANNES
Im vergangenen Jahr sorgte das Filmfestival von Cannes mit Michael Jackson und den Spice Girls für Aufsehen. Nun, ein Jahr nach dem Fünfzigsten, feiern die ersten Cannes-Tage einen Star ganz anderer Klasse: Nicht kreischende Teenies belagern die Hotels, eher reifere Köpfe bekommen glänzende Augen, wenn "ihr" Paul Auster - zusammen mit seiner ebenfalls schreibenden Frau Siri Hustvedt - seinen ersten eigenen Film vorstellt: "Lulu on the Bridge" lief in Cannes als restlos überlaufene Weltpremiere.
Der ausgezeichnete und geschätzte Schriftsteller Auster, als ehemaliges Jurymitglied mit dem Rummel Cannes bereits vertraut, schrieb schon 1995 zusammen mit Wayne Wang die Brooklyn Stories von "Smoke". Mit dem Rest an Zeit und Filmmaterial drehten die beiden zusammen dann noch "Blue in the Face". Eine ganze Reihe bekannter Gesichter aus diesen Drehs taucht in "Lulu on the Bridge" wieder auf: Harvey Keitel spielt den Saxophonisten Izzy Maurer, der während eines Konzerts angeschossen wird. Daß er nun nicht mehr spielen kann, wirft ihn in eine Lebenskrise und läßt den Film spannende Fragen stellen: Soll Izzy sich freuen, daß er überhaupt noch lebt? Oder hat das Leben an sich keinen Wert - nur das, was man daraus macht? Als Alternative bietet eine reife Schauspielerin (Vanessa Redgrave) an, aus dem Blick der anderen zu treten und sich selbst neu zu entwerfen.
Ein geheimnisvoller Fund unter grausamen Umständen verändert Izzys Leben: Der Stein, der unter seltsamem Stimmengewirr aus einer Reihe von Schachteln geschält wird, schimmert im Dunkeln magisch blau und beginnt zu schweben. Die junge Celia (Mira Sorvino), die Izzy durch den Stein kennenlernt, entdeckt als weitere Wirkung ein bislang unbekanntes Glücksgefühl. Izzy und Celia verfallen einander in einer überschwenglichen Liebe. Da Celia auch noch die Hauptrolle einer neuen Lulu-Verfilmung erhält, scheint die glückbringende Wirkung des Steins erwiesen. Oder stammt er doch aus Pandoras Büchse?
Bevor die Gedankengänge und ungewöhnlichen Ideen nicht mehr interessieren könnten, folgt längst der nächste Szenenwechsel: Izzy - der in seiner naiven Verliebtheit richtig niedliche Keitel - wird durch rätselhafte Gestalten gekidnapt und von einem scheinbar allwissenden Mann befragt. Montierte Auster hier etwa das Jüngste Gericht in eine Gangsterhandlung? Daß William Dafoe, der einst für (Jury-Präsident) Martin Scorsese Jesus verkörperte, die Lebensrechnung Izzys aufmacht, würde dazu passen.
Paul Auster hielt sich bei seinem Regiedebüt nicht an die Regeln, mit dem man einen Film durchgehend packend und kurzweilig gestaltet. Dafür läuft seine moderne, kaum wiedererkennbare Lulu-Geschichte auch in der Reihe "Un certain regard" (etwa: Mit einem besonderen Blick) und erfreute dort mit der frisch unkonventionellen Handlung.
Das Leben als ganz andere Illusion entwarf der amerikanische Science Fiction "Dark City" von Alex Proyas ("Die Krähe") im Festivalpalast außer Konkurrenz. In Tradition von Philip K. Dick, dem Autor von "Blade Runner", werden die Erinnerungen einer ganzen Stadt von Außerirdischen allnächtlich zu Experimentierzwecken ausgetauscht. Als die Täuschung bei John Murdock nicht funktioniert, wird dieser für verrückt erklärt und auch von den bleichen Herren der "Dark City" verfolgt. Die mit viel Tricktechnik aufgebauschte Grundidee behält trotzdem ihren Reiz und läßt am Ende einen unmöglichen Traum mit aller Macht wahr werden. So wie es sich für großes Kino gehört.
http://www.arena.de/FILMtabs/archiv/Festivals/Cannes%201998/Paul%20Auster%20in%20Cannes.html
PAUL AUSTER - IM LAND DER LETZTEN DINGE
Anna Blume ist in die Stadt gekommen, um nach ihrem Bruder William zu suchen. Zwar hatte man schon seit Monaten nichts mehr von ihm gehört, die Chancen, daß er noch am Leben wäre, waren ziemlich gering. Und wer geht schon freiwillig in eine Stadt, die eigentlich nicht mehr existiert?
Alles, was ihr an Unterstützung mitgegeben wird, ist Williams letzte Adresse, und der Name sowie das Bild seines Nachfolgers, Samuel Fair.
Als Anna in der Stadt ankommt, wird ihr erstmal das Ausmaß an Chaos und Verwüstung klar, das dort herrscht. Die Straße, das Gebäude, nach dem sie sucht, existieren nicht mehr; die Zustände sind unbeschreiblich - die Stadt zerfällt, um zu überleben muß man plündern, stehlen, erfinderisch sein; Lebensmittel sind kaum erhältlich, Wohnungen der schiere Luxus. Eine ganze Reihe neuer Berufe hat sich entwickelt - Leichenaufsammler, Mörder, die vom Opfer selbst gedungen werden, Müllsammler, etc.
Doch Anna hat Glück - sie rettet Isabel eines Tages auf der Straße das Leben, und die nimmt sie mit zu sich nach Hause, lehrt ihr Tricks, um zu überleben. Doch Isabel ist bereits schwerkrank - als sie stirbt, ist sofort ein Überfallkommando zur Stelle, das die Wohnung besetzt.
So lebt Anna wieder auf der Straße - bis sie, auf der Flucht vor der Polizei, in die Nationalbibliothek gerät und dort durch Zufall ausgerechnet Samuel findet. Was erst als Zweckgemeinschaft zum Überleben gedacht war, entwickelt sich zu tiefster Liebe - die ein jähes Ende nimmt, als Anna auf der Suche nach einem Paar Schuhe in eine Menschenschlachterei gerät, sich daraus zwar schwer verletzt retten kann, um dann aber zu erfahren, daß in der Zwischenzeit die Bibliothek abgebrannt ist.
Da hilft es auch wenig, daß sie ausgerechnet im Woburne House gelandet ist, bei einer Familie, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Obdachlosen zumindest ein paar Tage von der Straße zu holen, ein schier unmögliches Unterfangen...
Meine Meinung: Ich stehe dem Buch mit sehr zwiespältigen Gefühlen gegenüber.
Zu Beginn ist die Handlung sehr apokalyptisch, malt ein greuliches Horrorbild. Die äußeren Umstände sind auch zum Schluß noch genauso schrecklich (wenn nicht schlimmer) - nur rücken sie ziemlich weit in den Hintergrund, was allerdings der Figur Anna mehr Raum gibt.
Während dieser düsteren Endzeitbeschreibungen war das Buch für mich persönlich eigentlich ohne Leben, ich habe mich eben so durchgelesen, weil das Buch nun wirklich nicht dick ist, und ich ohnehin eine lange Zugfahrt überbrücken mußte.
Danach, so etwa nach 100 Seiten, ändert sich auch die Sprache, wird weicher und zugänglicher - Paul Auster versteht es meisterhaft, mit knappen Worten einen Film im Kopf ablaufen zu lassen. Dafür leidet ab diesem Zeitpunkt die Logik der Geschichte. Vorher war alles nur grauenvoll, ein Überlebenskampf - und nun bleibt plötzlich Zeit für Liebe, Gespräche, etc.
Außerdem hat es mich einfach gestört, daß Anna aus jeder Katastrophe sozusagen immer wieder ins nächst weichere Bett fällt.
Nochmals zurück zur Sprache. Vielleicht liegt es ja an meinem Unvermögen, mir die Stadt in 200 Jahren vorzustellen - aber mein persönlicher Eindruck war, daß Auster nur dann gut schreibt, wenn er seine Geschichten in eine "reale" Umwelt setzen kann.
Leseprobe:
(Zitat 1. Seite)
Ich erwarte nicht, daß du verstehst. Du hast nichts davon gesehen, und selbst der Versuch, es dir vorzustellen, wäre vergeblich. Dies sind die letzten Dinge. An einem Tag ist ein Haus noch da, am nächsten ist es weg. Gestern ging man über eine Straße, die heute nicht mehr existiert. Auch das Wetter wechselt in einem fort. Regentage folgen Sonnentagen, Nebeltage folgen Schneetagen, einmal kühl, einmal warm, erst Wind, dann Flaute, eine Zeit bitterer Kälte, und dann heute, mitten im Winter, ein lieblich heller Nachmittag, so warm, daß man keinen Mantel braucht. Wer in der Stadt lebt lernt, nichts für selbstverständlich zu halten. Man schließt nur kurz die Augen, dreht sich um, um nach etwas anderem zu sehen, und was eben noch vor einem stand, ist plötzlich weg. Nichts bleibt, verstehst du, nicht einmal die eigenen Gedanken. Ihnen nachzuhängen wäre Zeitverschwendung. Ist etwas erst einmal weg, dann für immer.
DER MANN MIT DEM SCHIRM
Von Paul Auster
Kurz vor dem Columbus Circle bemerkte ich einen jungen Schwarzen in etwa meinem Alter, der parallel zu uns auf der anderen Straßenseite ging. Soweit ich erkennen konnte, war an ihm nichts Ungewöhnliches. Er war anständig gekleidet, an seinem Verhalten wies nichts darauf hin, daß er betrunken oder verrückt sein könnte. Aber da ging er an einem wolkenlosen Frühlingsabend und hielt sich einen aufgespannten Schirm über den Kopf. Das war schon abwegig genug, aber dann sah ich, daß der Schirm auch noch kaputt war: das Tuch war vom Gestänge entfernt, und die nackten, sinnlos in die Luft gespreizten Speichen ließen das Ganze wie eine riesige und unwahrscheinliche Stahlblume aussehen. Der Anblick brachte mich unwillkürlich zum Lachen. Auch Effing stieß ein Gelächter aus, als ich ihm die Sache beschrieb. Seins war lauter als meins und machte den Mann auf der anderen Straßenseite auf uns aufmerksam. Mit breitem Grinsen winkte er uns, zu ihm unter seinen Schirm zu kommen. "Wieso wollen Sie sich dem Regen aussetzen?" sagte er fröhlich. "Kommen Sie rüber, damit Sie nicht naß werden." Sein Angebot hatte etwas so Schrulliges und Offenherziges, daß es unhöflich gewesen wäre abzulehnen. Wir überquerten also die Straße und brachten die nächsten dreißig Blocks des Broadway unter einem kaputten Schirm hinter uns. Es gefiel mir, wie selbstverständlich Effing bei diesem Spaß mitmachte. Er spielte mit, ohne irgendwelche Fragen zu stellen, er begriff intuitiv, daß solch höherer Blödsinn nur Bestand haben konnte, wenn wir alle so taten, als ob wir daran glaubten. Unser Schirmherr hieß Orlando, und er war ein begabter Komödiant: Er tippelte flink um imaginäre Pfützen, wehrte Regentropfen ab, indem er den Schirm in verschiedenen Winkeln schräg hielt, und ließ dabei ein pausenloses Feuerwerk von grotesken Assoziationen und Wortspielen vom Stapel. Es war Phantasie in reinster Form: Er erweckte nichtexistierende Dinge zum Leben, überredete uns, eine Welt zu akzeptieren, die es in Wirklichkeit gar nicht gab.
An der Ecke Broadway und 84th Street nahmen wir von Orlando Abschied, schüttelten uns alle die Hände und schworen, unser Leben lang Freunde zu bleiben. Als kleine Zugabe zu unserem Spaziergang streckte Orlando die Hand aus, um herauszufinden, wie das Wetter war, dachte einen Augenblick nach und erklärte dann, der Regen habe aufgehört. Ohne weitere Umstände klappte er den Schirm zusammen und schenkte ihn mir zum Andenken. "Hier, Mann", sagte er, "den sollst du mitnehmen. Man kann nie wissen, ob es nicht wieder zu regnen anfängt, und ich möchte nicht, daß ihr beiden naß werdet. So ist das nun mal mit dem Wetter: Es ändert sich ständig. Wer nicht auf alles vorbereitet ist, ist auf gar nichts vorbereitet."
"Das ist wie mit Geld auf der Bank", sagte Effing. "Ganz genau, Tom", sagte Orlando. "Steck ihn unter deine Matratze, und heb ihn dir für schlechte Zeiten auf." Er ballte die Faust zum Black-Power Gruß und schlenderte davon, und als wir das Ende des Blocks erreicht hatten, war er in der Menge verschwunden
(Paul Auster ist die Stimme des modernen New York: hier geboren und aufgewachsen, beschreibt der Erfolgsautor in seinen Romanen und Erzählungen die bizarre Wirklichkeit dieser Stadt.)
LILY BRETT
"Was ist los mit dir?" fragte Sonia. "Du schreibst Nachrufe von morgens bis abends und entspannst dich bei einer Lektüre über den Holocaust? Mein Gott, warum bist du so morbid?" "Ich bin nicht morbid", sagte Esther. "Möglicherweise ist es ein morbides Thema, aber es ist nicht morbid, darüber zu lesen. Es ist aufklärend." "Es ist morbid", sagte Sonia. "Ich kenn' das von anderen Kindern von Überlebenden. Die strahlen eine richtige Morbidität aus. Bei dir ist das was anderes, du bist nur ein bißchen morbid." "Vielen Dank", sagte Esther. "Ich an deiner Stelle würde keine Pauschalurteile über die Kinder von Überlebenden fällen. Pauschalurteile können gefährlich sein." "Ich fälle keine Pauschalurteile", sagte Sonia. "Ich hab' fünf oder sechs Kinder von Überlebenden kennengelernt, und die sehen eigentlich alle so aus, als hätte ihnen wer einen Sack über den Kopf gezogen. Sie sind so vorsichtig, so gedrückt. Sie bewegen sich behutsam, sie sprechen langsam, mit leiser Stimme. Es ist, als ob sie ständig das Leben in sich unterdrücken müßten. Vielleicht fürchten sie sich davor, zuviel Lebendigkeit zu zeigen. Wenn sie halbtot aussehen, fühlen sie sich vielleicht den Toten enger verbunden und weniger schuldig, daß sie am Leben sind."
Sonia trifft mit ihrer unverblümten Art den Nagel auf den Kopf. Das survivor's syndrom, das alle Holocaust-Überlebenden zu Schuldigen macht, ist eigentlich der geheime Antrieb des Romans von Lily Brett. Aber Sonia ist nicht die Hauptfigur, sondern nur deren beste Freundin. Die Hauptperson heißt Esther Zepler, Tochter von zwei Holocaustüberlebenden, aufgewachsen in Australien, verheiratet mit dem erfolgreichen Landschaftsmaler Sean Ward, drei erwachsene Kinder. Vor einem Jahr ist sie mit ihrer Familie von Melbourne nach New York übergesiedelt und hat dabei gleich ihren Beruf gewechselt. Die frühere Reporterin für ein Rockmagazin hat sich in den Job einer Nachrufschreiberin eingekauft. Esther Zepler, zurückhaltend, introvertiert, viermal wöchentlich auf der Analytikercouch, sieht sich selbst als jemand, die "zu einer Gemeinschaft gehört, die sich um die Toten kümmert". "Als Schriftsteller weiß man nicht immer so genau, warum man etwas schreibt", so Lily Brett. "Ich habe diesen Beruf für Esther ausgesucht, weil ich dachte, daß Nachrufe eine Art Erinnerung sind, eine Art Gedächtnis, um Leben und Werk einer Person festzuhalten. Da ich aus einer Familie stamme, wo sich niemand erinnert und niemand die Summe seines Leben und seiner Errungenschaften ziehen konnte, war es für mich wie eine Möglichkeit, sich zu erinnern. Das Buch enthält eine ganze Reihe von Nachrufen, die überall verteilt sind; als ich es fertiggeschrieben hatte, waren die Nachrufe für mich wie ein Herzschlag, der sich durch den Text zieht. Um daran zu erinnern, wie kurz und wie wertvoll das Leben ist. Wissen Sie, wenn man dauernd Nachrufe schreibt, wird man ständig an den Wert des Lebens erinnert. Deshalb war es für mich wie ein Herzschlag des Lebens, es steht nicht für den Tod."
Wenn man genau hinschaut, hat die australische Schriftstellerin Lily Brett vieles mit ihrer Protagonistin Esther und deren Familie gemein. Lily Brett heißt eigentlich Lilijahne Breitstein oder Brettstein, wurde 1946 als eines der ersten Kinder im Durchgangslager in Feldafing geboren, wo sich ihre Eltern, die im Ghetto von Lodz geheiratet hatten und in Auschwitz getrennt wurden, nach dem Krieg zufällig wiederfanden. Lily Brett ist seit ihrem zweiten Lebensjahr unter schwierigen Emigranten-Verhältnissen in Australien aufgewachsen. Sie bringt im Gespräch aber auch deshalb ihre eigene Person ins Spiel, weil die dritte Person des Romans wie ein Erzähler-Ich erscheint und weil die erinnerte Vergangenheit auf Schritt und Tritt über die Gegenwart hereinbricht.
"Die Spezialität des Tages im Cupping Room Café waren gebackene Kartoffelschalen. Gebackene Kartoffelschalen. Zu acht Dollar fünfzig die Portion. Ein Gericht für die enthaltsamen neunziger Jahre. Die Reichen kleideten sich wie die Armen im Schichtenlook, in sorgfältig nicht harmonierenden Designerklamotten. Und jetzt aßen sie wie die Armen. Rüben, Pastinaken, Karotten, rote Beete und Süßkartoffeln tauchten auf den Speisekarten der besseren Restaurants in der Stadt auf und wurden überall in Manhattan auf Empfängen und bei Galadiners gereicht. Im Ghetto von Lodz mußte man gute Beziehungen haben, um an Kartoffelschalen heranzukommen. Eines Abends war Edek Zepler mit fünf Pfund Kartoffelschalen nach Hause gekommen. Es war Rooshkas zwanzigster Geburtstag. Rooshka war zur Wasserpumpe im Hof gegangen und hatte, im Schnee knieend, sorgfältig den Dreck von den Schalen gewaschen. Nachdem sie gesäubert waren, wogen sie noch zwei Pfund. Sie hatte sie zerkleinert und Knödel gemacht, die sie in den Resten der Wassersuppe kochte, die sie tagsüber bei der Arbeit aßen. Als sie sich zu ihrem Festmahl niederließen, war es nach Mitternacht. ‘Alles Gute zum Geburtstag, Liebling’, hatte Edek Zepler gesagt. ‘Möge es nie mehr einen so schrecklichen Geburtstag für dich geben.’"
Die assoziativ angelegten Erzählsprünge zwischen den Zeiten, die bei aller Beiläufigkeit bis in die dunkelsten Tiefen der deutschen Vergangenheit leuchten, prägen die Romanstruktur. Genaugenommen ahmt dieses Erzählprinzip jedoch nur die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses nach, das nicht vergessen, sondern sich nur mit Hilfe der Verdrängung entlasten kann. Insofern wirken die wie eine Schocktherapie angelegten Erinnerungsschübe wie ein Art "Wiederkehr des Verdrängten", das sich unbedingt freie Bahn verschaffen muß. Dabei sollte man nicht vergessen, daß Lily Brett unter dem Einfluß solcher Schockwirkungen aufgewachsen ist. "Lange Jahre habe ich mir vorgemacht, daß nichts geschehen war", erzählt Lily Brett. "Ich haßte es, darüber nachzudenken, ich wollte nicht darüber nachdenken, nicht darüber sprechen. Ich war schon Anfang dreißig, als es anfing, mich zu überwältigen, der ganze Horror. Ich wußte auch schon vorher, daß es der reine Horror war. Ich wußte, daß meine Mutter und mein Vater fürchterliche Erlebnisse in ihrem Leben hatten. Ich wußte, daß sie mit den barbarischsten und niedrigsten menschlichen Verhaltensweisen konfrontiert waren. Aber als ich im Detail darüber nachdachte, wurde mir mit Schrecken klar, daß das wirklich stattgefunden hat - das muß seltsam klingen... Es ist so ein schwieriges Thema, deshalb versuchen viele Kinder, es zu verdrängen und sich vorzustellen, daß nichts passiert wäre. Ich war Mutter und hatte zwei Kinder, ich glaube, daß ich mich deshalb ernster damit beschäftigt habe. Ich fing dann an zu lesen, ich habe Buch für Buch gekauft und konnte nicht mehr aufhören. Ich habe jahrelang nichts anderes gelesen. Die Leute waren schockiert. Als mein Vater meine Büchersammlung sah, am Anfang, lange bevor ich Hunderte davon hatte, sagte er: Hör' auf zu lesen, das bringt Dich um! Und ich sah ihn an und sagte: Weißt du, du hast das alles mitgemacht, und ich soll das nicht lesen können. Ich habe genug Abstand. Ein Buch hat noch nie einen umgebracht."
Lily Brett schreibt wie eine Bekennende. Die Worte scheinen aus ihr herauszufließen: "Einfach so", aber sie überfluten sie nicht. Sie bewegt sich überwiegend in vertrautem jüdischem Milieu. Esthers Mann ist zwar ein Gojim, seine Klientel stammt jedoch aus den Kreisen reicher assimilierter New Yorker Juden. Deshalb dominiert der New Yorker Lifestyle, vor allem in der zweiten Hälfte des Buches, und gelegentlich gewinnen modische Attitüden und Geschwätzigkeit die Oberhand über den ironischen Grundton. Variationsreich kommt immer wieder die Frage: Was ist Jüdisch? Ob "assimiliert", "analysiert" oder "auf Zores abonniert". Lily Brett gelingt es, einen Erzählbogen über neun Monate zu spannen, der sich nicht zufällig mit der Schwangerschaft von Freundin Sonia deckt. Auch die Stimmung nähert sich, vom selbstanklägerischen Unterton einer vielleicht zu naiv gezeichneten jüdischen Tochter mit einer tragischen Erinnerung an eine schwer traumatisierte und an Krebs verstorbene Mutter kommend, immer mehr dem Lebensgefühl des überlebenstüchtigen Vaters an. Sonias Niederkunft - es sind auch noch Zwillinge - und Edek Zeplers Hochzeit mit einer Überlebenden-Witwe verbinden sich zuletzt zu einem symbolischen Jom Kippur; eine Versöhnung mit dem Leben, nicht mit den Peinigern. Lily Brett nutzt ihr Privileg, Authentisches mit Fiktionalem nach freien Stücken zu mischen, in humorvoller und zuweilen frivoler Manier, um zuletzt in ein großes Gelächter auszubrechen.