Diese Arbeit orientiert sich an Veröffentlichungen von Oliver
Rathkolb, Hans Hautmann, Barbara Coudenhove-Kalergi, Rainer Münz, Svatopluk
Petracek, Felix Ermacora, und anderen.
Wer sich ausführlicher informieren möchte, dem sei die Lektüre von Barbara Coudenhove-Kalergi/Oliver Rathkolb (Hg.): "Die Beneš-Dekrete", Czernin-Verlag, empfohlen. Gut lesbar ist weiters auch Beppo Beyerls Darstellung "Die Beneš-Dekrete; zwischen tschechischer Identität und deutscher Begehrlichkeit". Beide Werke kamen im Jahr 2002 heraus.
Ein kleines Schulmädchen zog im Jahr 1945 die schlimm zugerichtete Leiche ihres Vaters, eines Gutsverwalters in Südböhmen, aus einem Misthaufen hervor. Später sprach sie nie wieder über ihr schreckliches Erlebnis. Im hohen Alter begründete sie ihr Schweigen damit, dass man sie ohnehin nicht verstanden hätte.
Dabei gab und gibt es Gründe genug, um über diesen und viele andere, nicht minder schlimme Vorfälle zu sprechen. Noch dazu war damals "nicht einmal mehr Krieg". Es herrschte ja schon Friede. Hitlers "Tausendjähriges Reich", das Ärgste was es je an Menschenverachtung gab, war zusammengebrochen und dennoch wurde mit Menschen verfahren, wie es unerträglicher nicht sein kann. In diesem Fall waren die Aggressoren aber keine deutschen Nazis sondern Tschechen.
Der tschechische Präsident Beneš hatte Dinge verordnet, die einen den Kopf schütteln lassen. Deutsche und ungarische Betriebe, die es damals selbstverständlich in großer Zahl gegeben hatte, wurden den Besitzern einfach weggenommen und verstaatlicht. Bauern und Gutsbesitzer wurden enteignet, wenn sie nicht tschechischer Nationalität waren, und die Staatsbürgerschaft hatte keine Gültigkeit mehr für die Sudetendeutschen 1), also jene Deutschen, die in Böhmen und Mähren immer schon lebten und Staatsbürger waren. Der Tschechoslowakei fielen auf diese Weise 11.200 Industriebetriebe, 5.500 Gewerbe‑ und über 125.000 Landwirtschaftsbetriebe, auch 200.000 Einfamilienhäuser, zu. Die Berechnungen der gesamten Vermögensverluste der Sudetendeutschen belaufen sich auf knapp 72,7 Milliarden Euro (= 1 Billion Schilling).
Die Betroffenen mussten Arbeitsdienst zwecks Beseitigung der Kriegsschäden leisten und nur wer nachweisen konnte, aktiv gegen den NS-Terror aufgetreten zu sein und für die tschechische und slowakische Sache gekämpft zu haben, wurde von diesen Maßnahmen dispensiert. Die „Beneš Dekrete“ wurden Teil der tschechischen Verfassung und die ihrer Existenz beraubten drei Millionen Sudetendeutschen in den Jahren 1945 bis 1947 des Landes verwiesen: Zwangsvertrieben nach Deutschland und Österreich. Neben ihrem Besitz hatten die Sudetendeutschen auch noch ihre Heimat verloren.
Bei den Vertreibungen kam es ständig zu persönlichen Übergriffen und Misshandlungen schlimmster Art. Der Hass der Tschechen gegen die Deutschen war enorm, eine (nicht unumstrittene) Untersuchung spricht gar von 240.000 Vertreibungstoten. Der tschechische Staat ahndete die Übergriffe nicht, die Täter gingen straffrei aus.
Die internationale Staatengemeinschaft billigte dieses brutale Vorgehen und sah darin Frieden sichernde Maßnahmen für die Zukunft. Dass damit bereits etablierte Menschen- und Bürgerrechte, vor allem das Recht auf nationale Selbstbestimmung, aufs Gröbste verletzt wurden, nahm sie leichtfertig in Kauf. 2)
Erst heute, im Zeitalter der Integration,
der EU Erweiterung und Globalisierung, denkt man ernsthaft anders und auch
nationale Vielfalt im Land akzeptiert man wieder leichter. Es ist daher kein
Zufall, dass die Vertretungen der Vertriebenen, die Landsmannschaften, nun
verstärkt auf Wiedergutmachung bis hin zu finanzieller Kompensation oder
gar Rückgabe verlorenen Besitzes drängen. Das ungelöste Problem von einst ist
somit nach mehr als fünfzig Jahren wieder an die Oberfläche gedrungen.
Nach dem Ersten Weltkrieg war klar, dass die Tschechoslowakei eine selbständige Republik wird. Auf die deutschen Minderheiten im Lande wollte der neue Staat allerdings nicht verzichten. Zum einen lagen die Regionen teilweise als Sprachinseln mitten im Hoheitsgebiet und zum anderen waren sie wirtschaftlich bedeutsam. Vier Fünftel der Industrie- und Handwerksbetriebe waren deutsch. Im Jahr 1921 waren von den ca. 13 Millionen Einwohnern etwa 6,8 Millionen Tschechen und 3,1 Millionen Deutsche.3) An eine Vertreibung der Sudetendeutschen dachte in der Zwischenkriegszeit niemand.
Diese hingegen wären 1918 lieber nicht Teil der CSR (später CSSR) geworden. Zu gut konnten sie sich ihre künftige Rolle als beherrschte Minderheit ausmalen. Für eine andere Lösung, den Anschluss an Deutschösterreich, fehlte ihnen aber der Rückhalt; und tatsächlich Abtrünnige in der Reichenberger Gegend wurden von den Tschechen mit Waffengewalt zum Verbleib gezwungen.
Eine Identifikation der deutschen Minderheit mit dem neuen tschechischen Staat war also nicht in Aussicht und der „Deutsche Parlamentarische Verband“ bezeichnete anlässlich der Eröffnung des tschechischen Parlaments am 1. Juni 1920 die Gründung der CSR gar als „widerrechtlich“; und verkündete, die Sudetendeutschen würden „niemals die Tschechen als Herren anerkennen“.
Ungeachtet dessen war es für Leute wie meinen Großvater, einem gebürtigen Wiener tschechischen Namens mit guter Position im fortschrittlichen Kfz-Werk Tatra, nach den Kriegsjahren an der Front keine Frage, dass sie wieder an den alten Arbeitsplatz zurückkehren wollten. Sie begannen aber zunehmend darunter zu leiden, dass die Tschechen gerne zeigten, wer der Herr im Lande sei. Etliche von ihnen verließen daher noch vor Hitlers Okkupation das Land, um sich in Österreich oder Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Sie waren der Hinhaltetaktik müde, mit der die Schulbehörden ihren Kindern eine höhere Ausbildung vorzuenthalten suchten; und sie konnten auch am Arbeitsplatz immer weniger frei agieren, da man sie mit allerlei Unterstellungen wie etwa dem in ihren Augen unbegründeten Vorwurf der Betriebsspionage schikanierte.
Die offizielle CSR war dennoch liberaler als man annimmt. Immerhin handelte es sich um einen für damalige Begriffe modernen, vom Bürgertum getragenen demokratischen Staat mit Standards, die nicht überall selbstverständlich waren, wie der Linzer Historiker Hans Hautmann schreibt:
Angesichts der von den deutschen Nationalsozialisten ... betriebenen Unterdrückungs- und Ausrottungspolitik gegenüber anderen Nationen, einschließlich der tschechischen, nimmt sich die Vielzahl der vor 1938 in der CSR existierenden deutschen kulturellen Institutionen, Schulen sowie deutschsprachigen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, die im Lande verlegt wurden, als Ausdruck einer verhältnismäßig liberalen Politik aus. (Hans Hautmann: Vorgeschichte der Beneš Dekrete)
Mit der Machtergreifung Hitlers im Deutschen Reich verschärfte sich der Konflikt. Es wurde im Oktober 1933 die „Sudetendeutsche Heimatfront“ (SHF) unter der Führung des Turnlehrers Konrad Henlein ins Leben gerufen, deren Ziel letztlich die Unterstützung der Nationalsozialisten beim Vernichtungsschlag gegen die Tschechoslowakei sein sollte. Finanzielle Mittel kamen von Deutschland.
Der Zulauf war groß und in Kürze konnte die SHF zwei Drittel der deutschen Wähler für sich gewinnen. Bei den Gemeinderatswahlen im Mai 1938 stimmten 91 Prozent aller Sudetendeutschen für die Henlein Partei, aber damals war die Katze bereits aus dem Sack. Jeder wusste, dass die „Sudetendeutscher Heimatfront“ eindeutig der politischen Linie Hitlers folgte.
Unter dem Druck des Münchner Abkommens im September 1938 verlor die Tschechoslowakei innerhalb eines Monats fast fünf Millionen Einwohner an das Deutsche Reich und mehr als eine Million Tschechen und Slowaken kamen unter deutsche, ungarische oder polnische Fremdherrschaft. Die wirtschaftliche Dimension dieser Gebietsverluste war ruinös:
Die Produktionsverluste betrugen in Prozenten der Gesamterzeugung der CSR bei Steinkohle 66, Braunkohle 80, Chemikalien 86, Zement 80, Textilien 80, Eisen und Stahl 70, elektrischen Strom 70 und Holz 40. (Hans Hautmann: Vorgeschichte der Beneš Dekrete)
Am 16. März 1939 hörte die
Tschechoslowakei endgültig auf als eigenständiger Staat zu existieren. Hitler
war einmarschiert und hatte das „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ errichtet.
Die tschechische Regierung begab sich ins Exil nach London.
Für die Tschechen waren die Jahre des Reichsprotektorats traumatisch. Kaum hatten sie einen eigenen, modernen Staat bekommen, der sich trotz Schwierigkeiten (Weltwirtschaftskrise, Nationalitätenprobleme) positiv entwickelte, war alles wieder verloren. Man war fremd bestimmt wie früher, bloß dass die neuen Herren wesentlich aggressiver auftraten als je eine Herrschaft zuvor.
Von „Umvolkung rassisch geeigneter Tschechen“ war die Rede, davon, dass „dieser Raum einmal deutsch werden muss“, dass der Tscheche in seiner Heimat „nichts mehr verloren hat“ und die „ tschechische Kultur zum Verschwinden gebracht“ werden muss. Himmler sah die Überführung geeigneter Tschechen in den sibirischen Raum vor, und „nicht eindeutschbare“ Tschechen könnte man gegebenenfalls für die Erschließung des Eismeerraumes nützen. Ihre Familien würden später einmal nachkommen. Ein Rechtsanwalt aus Reichenberg formulierte:
„Das Endziel ... ist ganz klar: wir wünschen das Land als
deutsche Erde, ... das Aufhören des Daseins einer tschechischen Nationalität auf
diesem Boden! Keine verfehlte Humanität! ... Ausrottungstaktik ist geboten ...“
(Dr. Walter Hergl)
Dass solche Äußerungen nicht bloße Rhetorik waren sondern ganz gefährlicher Ernst, wurde von den Nationalsozialisten hinlänglich unter Beweis gestellt; und wohl nur die unrealistische Anmaßung der Deutschen, sie wären als Herrenvolk in der Lage „übermenschliche“ Dinge zu leisten und könnten sich die ganze Welt untertan machen, führte dazu, dass sie in den wenigen Jahren bis zu ihrem Niedergang bei weitem nicht alle Pläne verwirklichten.
Die Tschechen wurden somit nicht
ausgerottet und kamen auch nicht bei der Erschließung des Eismeeres ums Leben, aber
250.000 von ihnen wurden zu Tode gequält in Konzentrations- u.
Vernichtungslagern, hingerichtet von Standgerichten, ermordet bei Massakern an
ganzen Ortschaften (Bsp. Lidice) ...
Kein Volk, welches man massiv mit Ausrottung bedroht, wird diesen Druck einfach wegstecken können, wenn es dann doch überlebt. Und schon gar nicht wird es diesen Menschen gelingen, ihren Aggressoren gegenüber unbefangen aufzutreten und mit ihnen gemeinsame Zukunftsvisionen zu entwerfen.
1945 war daher ein neuer tschechischer Staat mit deutschem Bevölkerungsanteil politisch schlichtweg nicht durchsetzbar. Zu groß waren die Aversionen gegen alle Deutschen und zu massiv war die Forderung des tschechischen Volkes, man möge diese für immer entfernen. Selbst die kommunistische Partei, die noch am ehesten für einen gemeinsamen Weg bereit war, wurde überrascht von der Intensität dieser Stimmung und beugte sich der Radikalität. Die Aggressionen der tschechischen Bevölkerung gegen die Deutschen führten zur Vertreibung aller Sudetendeutschen. Die Stimmung war in dieser Phase dermaßen schlimm, dass sich die Nazi-Opfer nun ihrerseits schuldig machten. Es gab Übergriffe, die niemand je wird rechtfertigen können, und zurück blieb das Übliche: Hass und Aggressionen auf allen Seiten und Erinnerungen an unzählige Gräueltaten, deren schwere Verletzungen sich nie mehr auslöschen lassen und die in den Überlieferungen über die Generationen hinweg immer weiter wirken werden.
Fatal war, dass sich zu viele Sudetendeutschen unter Hitler zu sehr geborgen fühlten. Somit blieb für sie uneinsehbar, wofür er stand und in welche Lage er sie gebracht hatte. Es fiel ihnen nicht auf, dass „der Totengräber des Sudetendeutschtums ... Adolf Hitler“ hieß, wie der sudetendeutsche Historiker J.W. Brügel es formuliert hat.
Inzwischen ist sehr viel Zeit vergangen. Die Tschechen mussten Jahrzehnte lang unter einer anderen Diktatur, der kommunistischen, leiden, bis diese 1989 in Brüche ging. Wir haben heute wieder eine tschechische Republik. Neue Generationen haben das Sagen. Europäer zu sein zählt nunmehr ebensoviel wie die eigene Nationalität. Die Zeit scheint günstig, um vergangene Hürden zu überwinden. Gelingen kann das aber nur, wenn sorgfältig und ernsthaft vorgegangen wird.
Die schmerzlichen Verfehlungen von einst müssen offen auf den Tisch. Die vielen traumatischen Einzelerfahrungen gehören sorgfältig ins Bild gesetzt, sodass man ihren Stellenwert verstehen lernt, und jeder muss hinschauen. In dieses Bild gehören natürlich auch die Täter mit allen Rollen, die sie gespielt haben. Den Opfern ist Betroffenheit zu signalisieren und die Bereitschaft, gemeinsam mit ihren Vertretern ernst gemeinte Wiedergutmachungs-Konzepte auszuhandeln.
An einer solchen Vorgangsweise müssten die Tschechen ebenso interessiert sein wie wir. Gefährdet ist dieser sensible Aufarbeitungsprozess allerdings dann, wenn er für ganz andere Zielsetzungen missbraucht wird, so wie das vor weniger Zeit in Österreich anlässlich Tschechiens künftiger EU-Mitgliedschaft passiert ist.
Peter Trautwein
August 2003
Die Bezeichnung
"Sudetendeutsche" leitet sich von dem rund 330 Kilometer langen Gebirgszug der
Sudeten ab, der sich im Norden Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens
hinzieht. Der Name "Sudetendeutsche" wurde vereinzelt schon im 19. Jahrhundert
benutzt und setzte sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem ab
1919, als Sammelbegriff für die über drei Millionen Deutschen in Böhmen,
Mähren und Sudetenschlesien (= böhmische Länder) durch. Die Sudetendeutschen
sind in sich durchaus vielfältig. Sie unterscheiden sich nach Mundart,
Herkunft und regionaler Kultur entsprechend den angrenzenden deutschen
Regionalbevölkerungen der Altbaiern, Franken, Sachsen und Schlesier. Ihr
Schicksal seit 1918 hat sie jedoch zu einer politischen Einheit werden lassen.
Erst im April
1950 gesteht Senator William Langer amerikanisches Fehlverhalten ein, indem er vor dem US-Senat feststellt: "Die
Massenvertreibung ist eines der größten Verbrechen, an welchem wir direkt
Anteil haben ..."
Nach dem Zusammenbruch der K.u.K.-Monarchie erreicht
[Thomas Masaryk, Exilsprecher der Tschechen, später Staatspräsident der CSR]
die Zustimmung der Siegermächte des 1. Weltkriegs zur Schaffung eines neuen
Nationalstaates, bestehend aus dem Königreich Böhmen und der bis dahin
ungarischen Slowakei (Deutscher Bevölkerungsanteil in Prag 10%, insgesamt
22,5%).
http://www.hglippert.claranet.de/dprag.html)
Dieses Relikt einer verloren gegangenen Zeit entdeckte ich zu Pfingsten 2002 im nordmährischen Nový Jčín, das ursprünglich den deutschen Namen Neutitschein trug:
